Geschrieben von: Friedrich Mößinger
Unerschöpflich ist die Zahl der Weihnachtsbräuche, die bei genauer Durchforschung der Einzelgebiete zu Tage gefördert werden. Dies gilt für fast alle Gebiete des mittwinterlichen Brauchtums, sei es der Weihnachtsbaum mit all seinen eigentümlichen Namen und Gestaltungen, sei es die Art der verschiedenen Gebäcke und Geschenke dieses Festes, sei es das Auftreten allerlei merkwürdiger verkleideter Gestalten in dieser dunklen Zeit.

 

Da gerade diese letzteren besonders urtümlich und uralt wirken, auch in starkem Maße verborgen weiterleben, seien hier zu den früher schon behandelten eine Reihe neu bekannt gewordener hinzugefügt. Der ungemein bewegliche und lebendig wirkende „Hopsaschimmel“, der in Gras-Ellenbach mit dem „Christkind“ erscheint1, hat ein ruhigeres, ihm freilich trotzdem sehr ähnliches Gegenstück in dem „Äisel“ von Lautern (Kr. Bensheim). In etwas einfacherer Art als in Gras-Ellenbach werden einem Burschen zwei Siebe angebunden. Früher war um beide eine gebogene Weidengerte genagelt, daß der „Leib“ runder wurde. Ein Strumpf wird als Kopf ausgestopft und auf dem vorderen Sieb befestigt. Früher hatte man manchmal eine Matratzenfeder im Hals, die auf das Sieb aufgenagelt wurde. Dadurch bewegte sich der Kopf sehr schön. Das Ganze wird mit einem Wagenplan, heute zumeist mit Pferdedecken, zugehängt, so daß der Oberkörper des Burschen, der Pferdekopf und der Schwanz – ein echter Pferdeschwanz – herausschauen. Ein dunkler Umhang, ein langer Bart und ein Schlapphut bilden die Verkleidung des Burschen. Mit diesem Esel, den man richtiger als „Schimmelreiter“ bezeichnen müßte, zieht das „Christkind“ als weiß gekleidetes Mädchen und manchmal auch der „Benznickel“ im Dorf von Haus zu Haus. Früher war es nach Aussage eines ganz alten Mannes immer nur das „Christkind“ und der Esel, eine sehr erklärliche Tatsache, denn der „Esel“ ist ja schon ein Reiter mit Tier, benötigt also niemand, der ihn führen müßte. Das „Christkind“ hat ein Körbchen mit Gaben, die ihm die Frau des Hauses heimlich zusteckt und die es dann an die Kinder austeilt. Vor dem Esel fürchten sich alle, und selbst Erwachsene, die die Gestalt zum erstenmal sehen, werden von der unheimlichen Wirkung stark beeindruckt.Während in Lautern dieser „Äisel“ immer noch, wenn auch in den letzten Jahren seltener, das Dorf durchreitet, ist das Schimmelchen in Brandau leider ausgestorben. Vereinzelt tritt es noch beim Kerwezug im Herbste auf, früher aber erschien es an Weihnachten mit dem „Christkindchen“. An einer Latte waren Querlatten und Faßreifen festgenagelt; die Latte wurde unter den Beinen eines Burschen durchgesteckt und durch Gurte über den Schultern hochgehalten. Als Pferdekopf diente ein ausgestopfter weißter Strumpf, hinten hing ein echter Schwanz. Alles übrige wurde weiß verhängt, so daß es aussah, als reite einer auf einem Schimmel. Ein ähnlicher Reiter trat früher auch in Winterkasten mit dem „Christkindchen“ auf.

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Das Nebeneinander dieser beiden Gestalten, das auch sonst in Deutschland belegt ist, findet seine Erklärung, wenn wir in dem „Christkind“ eine germanische Göttin, in dem Schimmelreiter aber den reitenden Wodan sehen. Angesichts der vielen übereinstimmenden Züge – auch der wilde Jäger erscheint als Schimmelreiter und manchmal in Begleitung einer Frau – ist es übertriebene Zweifelsucht, diese Deutung nicht für hinreichend begründet zu halten. Dazu kommt noch, daß in unseren Bräuchen auch die Achtfüßigkeit des Götterrosses noch deutlich nachklingt.

Es läßt sich nämlich in einer ganzen Reihe von Orten eine eigentümliche Art der Schimmeldarstellung entdecken, bei der dieses seltsame Tier deutlich acht Füße zeigt. Eine jüngere Darstellungsform, die schon von Ernsthofen berichtet wurde2 und auch in Böllstein üblich ist, hat freilich diese Achtfüßigkeit aufgegeben. Da gehen zwei Burschen hintereinander, der zweite bückt sich, hält sich auch am vorderen, der mehr oder weniger aufrecht geht, und so entsteht ein vierfüßiges Tier, das in seiner einfachen und leichten Herstellungsart auch heute noch auf Kinderveranstaltungen auftritt. Ganz anders aber ist die ältere Art. Eine ausführliche Schilderung eines Böllsteiner Spinnstubenscherzes, die Herrn Lehrer Stöcklein verdankt wird, zeigt dies klar. Zwei Burschen stellen sich mit dem Rücken gegeneinander, ihre Oberschenkel werden unterhalb des Gesäßes zusammengebunden. Sie bücken sich und erhalten in jede Hand ein Stück Holz zum Aufstützen. Dann wird über sie, auch bis über die Köpfe, ein weißes Bettuch gebreitet, als Schwanz dient ein weißes Handtuch. Der „Jude“ führte diesen Schimmel in die Stube und machte mit ihm einen Rundgang. Mitten auf dem Tier saß ein Reiter mit großem Hut, Mantel, Stecken und langem Bart aus Werg. Der Jude bot den Schimmel zum Verkaufe an; aber erst wurde geprüft, ob er sich auch reiten ließe. Der Reiter stieg ab, jedoch niemanden sonst duldete das Pferd auf sich, nur noch den Juden. Endlich ließ es auch den Käufer sitzen, und der Handel wurde abgeschlossen.Daß diese Schimmelgestalt ihren Ursprung nicht in einem Spinnstubenscherz hat, sondern unmittelbar zum Weihnachtsbrauchtum gehört, beweisen eine ganze Reihe weiterer Belege aus unserem Gebiete. In Groß-Bieberau erschien früher in der Weihnachtszeit in den Häusern das „Kamel“. Zwei Burschen mit den Rücken gegeneinander an den Oberschenkeln zusammengebunden, bückten sich, daß auch ihre Hände auf den Boden kamen. Das Tier hatte also acht Beine. Einen Kopf hatte es nicht, wohl aber einen alten Besen als Schwanz. Einer ritt darauf von Haus zu Haus und erhielt Gaben. Ganz ähnlich ist der Weihnachtsesel im Spessart.3 Auch er hatte keinen Kopf und einen alten Besen als Schwanz. Im östlichen Odenwald, in Schlossau und Donebach z. B., machen zwei Mädchen den Esel, der sechs Beine hat, weil nur das hinterste, rückwärts gehende Mädchen in jeder Hand einen Stock als Eselsbeine hat.4In diesen Kreis gehört auch der Neujahrsesel des Schlüchterner Gebietes. Wir haben Nachrichten von ihm aus Radmühl, Niederzell, Hintersteinau und Hutten. Eine ältere Schilderung5 zeigt die enge Verwandtschaft mit dem Spessarter Weihnachtsesel. „Zwei kräftige Mannespersonen stellten sich mit dem Rücken gegeneinander. Sie wurden dann mit Stricken und Handtüchern unterhalb der Lenden fest zusammengebunden. Jeder beugte sich nun so zur Erde, daß er letztere mit den Händen berührte; über beide wurde nun ein Tuch gedeckt, so daß die Gestalt Ähnlichkeit mit einem Esel hatte. Während der eine auf allen Vieren vorwärts kroch, mußte der andere in gleicher Weise rückwärts gehen. Auf diesem Esel ritt eine dritte Person, welche sich zur Unkenntlichkeit maskiert hatte. Diese war mit einer kräftigen Rute bewaffnet, und mit wildem Ungestüm ritt das Ungeheuer ins Zimmer, sprang von seinem Esel und verprügelte alle Anwesenden; selbst das Oberhaupt der Familie blieb nicht verschont. Hierauf verließ der Neujahrsesel das Haus wieder mit großem Gepolter und brach in gleicher Weise in eine andere Familie ein.“Es muß bemerkt werden, daß in den meisten hier geschilderten Fällen ein Reiter auf dem Tiere sitzt, so daß es sich ohne Zweifel um den „Schimmelreiter“ handelt. Nun ist diese Art der Darstellung eines achtbeinigen Schimmels außerordentlich weit verbreitet. Er erscheint an Hochzeiten in Gossensaß,6 an Kindtaufen in Luxemburg,7 und vor allem als Julbock in Schweden.8 Dabei ist es deutlich, daß diese eigenartige und – wie aus den Schilderungen hervorgeht – sehr unbequeme und schwierige Darstellungsart durch eine sehr feste, standhafte Überlieferung bestimmt sein muß. Diese Bindung muß jahrhundertelang zäh bestanden haben, so daß erst in jüngster Zeit, wie das Beispiel aus Böllstein dartut, eine Vereinfachung der Darstellung und damit auch ein Aufgeben der Achtfüßigkeit eintrat. Die weite Verbreitung – von Schweden bis zum Brenner – lehrt weiterhin, daß eine Übertragung in jüngerer Zeit nicht in Frage kommen kann, sondern daß wir hier mit uralter, gemeinsamer nordisch-germanischer Wurzel rechnen müssen.

Neben diesem Schimmelreiter treten nun noch andere ähnliche Gestalten als Begleiter des „Christkinds“ auf. Sie seien hier noch ergänzend kurz angeführt.9 In Laubenheim bei Mainz erschien früher manchmal mit dem „Christkind“ ein Esel. Er wurde von einem Burschen in Rumpfbeuge mit übergehängtem grauen Tuch dargestellt. Mit den Hände stützte er sich auf zwei Holzstücke (Stutzen), die den Vorderhufen des Esels entsprechen (also vier Beine). Auf die Kopfdarstellung des Tieres wurde kein Wert gelegt. Der Kopf des Burschen, der dem Tuch eine Erhöhung gab, sollte die Vorstellung des Tierkopfes erwecken. Hin und wieder hing um den Hals ein Tragkörbchen mit Geschenken. Während der Bescherung durch das „Christkind“ stand der Esel unter dem Tisch oder in einer dunklen Ecke. In Wallbach i. Odw. kam ganz früher an Weihnachten ein Esel. Dazu krabbelte einer auf allen Vieren, mit einem Tuch zugehängt; ein anderer ritt auf diesem niedrigen Tier, so daß wir an den Schimmelreiter erinnert werden. In Oberkainsbach traten früher drei Gestalten auf: das „Christkind“, der Belznickel und der Esel. Letzterer wurde von einem Burschen dargestellt, der auf allen Vieren krabbelte und ganz mit einem Schaffell zugehängt war. Vorn trug er einen Kopf, aus Schaffell hergestellt und mit Werg ausgestopft. Dies erinnert stark an schwedische Julböcke, die ebenfalls mit Fellen behängt sind und auf dem Boden kriechen. Auch hier ist neuere Beeinflussung ausgeschlossen, zumal im Alpengebiet, aber auch in Böhmen und Schwaben und in Ostpreußen ähnliche fellbedeckte Gestalten zu Weihnachten umgehen.

Zum Schluß sei noch ein sehr seltsamer Brauch geschildert, der mir aus Pfungstadt berichtet wird. Dort erschienen früher in manchen Häusern „Christkind“ und Nikolaus, wobei der letztere eine sonderbare Strohpuppe unter dem Arm trug, die er in der Stube auf ihre vier Beine stellte. Es war ein krippenartiges Holzgestell mit vier Holzbeinen, ganz mit Stroh bewickelt. Vorn war ein Kopf angedeutet; alles war mit grauem Tuch behängt und sollte einen Esel vorstellen. Ähnliches ist mir bisher aus Deutschland nicht bekannt, wenn man die viel kleineren, aus Haselzweigen gespaltenen Weihnachtseselchen aus Salzböden10 hier nicht in Betracht zieht; wohl aber sind schwedische Julböcke in Darstellung und Größe zu vergleichen; auch sie sind Gestelle, mit Stroh bewickelt und etwa 1 Meter lang; mit Tuch sind sie allerdings nicht zugehängt. Ob diese sonderbare Gleichheit des Brauches auf Urverwandtschaft oder auf Entlehnung beruht, ließe sich erst entscheiden, wenn weitere Funde dieser Art in unserem Gebiete vorlägen. Deutlich aber wird gerade an diesem Falle, welch beachtenswerte Entdeckungen in unserem, an Bräuchen so reichen Land noch zu machen sind, und wie wertvoll und fruchtbar alle Einzelfunde für die weitere Forschung werden können. Deutlich wird aber auch, wie sehr durch alle diese Funde unser Weihnachtsfest eine andere, viel tiefer in unsere eigene Vorzeit hinabgehende Bedeutung erhält, eine Bedeutung, die der oberflächliche Betrachter unseres sinnigen und innigen heutigen Weihnachtsfestes nicht ahnen kann.

Literatur:

1 „Volk und Scholle“, 15. Jahrg. (1937), S. 24.2 „Volk und Scholle“, 13. Jahrg. (1935), S. 360.3 „Volk und Scholle“, 13. Jahrg. (1935), S. 361.4 „Volk und Scholle“, 13. Jahrg. (1935), S. 360/361.5 „Fuldaer Geschichtsblätter“, 12. Jahrg. (1913), S. 43.6 „Zeitschrift des Vereins für Volkskunde“, 10. Jahrg. (1900), S. 401.7 J. M. Ruden, D’Fraen um Kanddaaf, Luxemburg 1934, S. 39.8 Nils Keyland, Julbröd, Julbockar doch Steffanssang. Stockholm 1919 (bes. Fig. 49, 53, 55).9 Vergl. „Volk und Scholle“, (1935) S. 358 ff., (1936) S. 6 ff., (1937) S. 7, 23 ff., 317 f., 319 f.10 „Volk und Scholle“, (1937) S. 24.