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Die indogermanische Familie war ursprünglich eine Großfamilie, der außer einem Elternpaar auch die verheirateten Söhne mit ihren Frauen und Kindern und unter Umständen auch noch Vettern mit den ihrigen angehörten.

Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort I
  • Richard v. Stoff:
  • Der nordische Sippengedanke 1
  • Ruth Köhler-Irrgang:
  • Die religiösen Grundlagen des Sippengedankens
  • in der Isländersaga 15
  • Richard von Kienle:
  • Der Tote der Sippe und der Sippenahn 32
  • Horst Becker:
  • Die germanische Sippe  49
  • Margarete Haeckel:
  • Gesippen und Freunde  58
  • Professor Dr. Hans F. K. Günther:
  • Nordische Sippenpflege. Ein Vorschlag  66
  • Anmerkungen zu den Beiträgen 68
Der nordische Sippengedanke

Die indogermanische Familie war ursprünglich eine Großfamilie, der außer einem Elternpaar auch die verheirateten Söhne mit ihren Frauen und Kindern und unter Umständen auch noch Vettern mit den ihrigen angehörten. Allerdings haben die Griechen und Römer diese Großfamilien schon frühzeitig aufgegeben, während sie bei den Germanen der geschichtlichen Zeit überhaupt nur vereinzelt vorkommt (in den isländischen Sagas z. B. bei Njal), ansonsten nur die Einzelfamilie nachweisbar ist.

Aber die eine wie die andere Form stand nicht für sich da, vielmehr war sie bei allen Indogermanen unlösbarer Teil eines größeren Verbandes, der Sippe, die alle von einem gemeinsamen Ahnherrn abstammenden Familien umfaßte.

Ihre überragende Bedeutung wird uns klar, wenn wir sehen, daß sie auf einer festgefügten Gemeinschaft der Siedlung und Wirtschaft, des Rechts und Brauchtums sowie der Ahnengräber beruhte und ihre Angehörigen als geschlossene Einheit in den Kampf entsandte, wie dies von Indern, Griechen, Römern, Kelten und Germanen bezeugt ist. An ihrer Spitze scheinen Ältermänner gestanden zu haben, die ihre Sippen im größeren Raume des Stammes vertraten. Die glanzvollste Verkörperung dieser Einrichtung waren im alten Rom die Senatoren als Vertreter der dreihundert altrömischen Patriziergeschlechter.

Die Zusammengehörigkeit der Sippenmitglieder hat anscheinend schon frühzeitig auch in einem gemeinsamen Sippennamen Ausdruck gefunden, da Bildungen wie römisch Tullius, d. h. Nachkomme des Tullus, griechisch Telamonios, der Telamonier, und altpersisch Hachamanis?iya, der Achämenide, völlig gleich gebaut sind und demgemäß in die gemeinsame Vorzeit zurückweisen. Bei den Griechen hat allerdings sehr bald eine andere Art der Sippennamen die Oberhand gewonnen, aber auch Bezeichnungen wie der Atride, der Aiakide, der Heraklide, die auf den Vater, Großvater oder Stammvater hinweisen, waren immer nur bei der nordischen Führerschicht im Gebrauch. Die Angehörigen der Unterschicht verwendeten solche Namen nicht. Noch bei Homer galten sie, die Nachkommen der einst unter Mutterrecht lebenden karischen Urbevölkerung, als apatoreß – vaterlos.

Über das wichtigste Ereignis im Leben der indogermanischen Sippe, die Eheschließung, sind die Meinungen der Sachverständigen geteilt. Man stellt sich die Verhältnisse der Vorzeit meist viel zu urtümlich vor. Frauenraub war schon deshalb eine seltene Ausnahme, weil er sofort Blutrache hervorrief.

Die alle bindende Rechtsordnung verlangte eine Eheschließung unter strengster Beachtung überkommener feierlicher Bräuche. Während jedoch die zur Zeit herrschende Anschauung die Überlieferung im Sinne einer Kaufehe deutet, die dem Vater der Braut eine Entschädigung für die ihm verlorengehende Arbeitskraft der Tochter einbrachte, suchen wir die Entscheidung in dem Wort für den angeblichen Kaufpreis, das uns im altdeutschen Wittum und im homerischen edna bewahrt ist.

Nun enthält aber das hier zugrunde liegende indogermanische Wort nicht die geringste Andeutung an den Begriff Kaufpreis. Vielmehr bedeutet es, gemäß seiner Ableitung aus der Sprachwurzel wedh – heimführen -, nichts anderes als Heimführungsgabe, Heiratsgabe. Wittum ist Ausstattung; unser davon abgeleitetes Zeitwort widmen bedeutet ursprünglich soviel wie ausstatten. Sie wurde zwar vom Bräutigam dem Vater der Braut ausgehändigt, von diesem aber bei allen indogermanischen  Völkern der Braut als Mitgift überreicht, so daß von einem Kauf im eigentlichen Sinne gar nicht die Rede sein kann. Die Gaben, die im altgermanischen Recht bald Wittum, bald Mahlschatz, d. h. feierlich vereinbartes Gut, genannt werden, dienten bei allen germanischen Stämmen der wirtschaftlichen Sicherstellung der Frau im Falle von Tod oder Scheidung.

Vom Brauchtum der Hochzeitsfeier läßt sich einiges erschließen. Nach der Überlieferung der Inder, Perser, Römer und Germanen ist anzunehmen, daß die Handergreifung der Braut durch den Bräutigam, als Zeichen des Überganges aus der Schutzgewalt des Vaters in die des Ehegatten, eine wichtige Rolle gespielt hat. Auch hat offenbar der Abschied vom Herde des eigenen Hauses und das Umgehen des Herdes im Hause des Gatten einen Teil der Feier gebildet. Und vielleicht ist die Hochzeitsfackel der Griechen der Rest einer ehemaligen Übertragung des elterlichen Herdfeuers in das neue Haus. Eine besondere Bedeutung hatten sinnbildliche Bräuche, die Kindersegen herbeiführen sollten, wie etwa das Bestreuen des Paares mit Getreidekörnern und das Setzen eines Knaben auf den Schoß der Braut.

Wenn neben dem indogermanischen Wort potis, Hausherr, mit der Grundbedeutung der Mächtige, die Form potni, Hausfrau, eigentlich die Mächtige, steht, so ist das das Gegenteil von dem Sklavendasein der Frau etwa bei den morgenländischen Völkern, und weist darauf hin, daß die Frau schon in indogermanischer Vorzeit ihren eigenen häuslichen Machtbereich hatte, während der Mann Ernährer und Schützer der Familie nach außen war. Hohe Achtung der Hausfrau bezeugen auch der homerische Ausdruck deopoina, Hausherrin, der, wie die Sprachform beweist, ebenfalls in die indogermanische Vorzeit zurückreicht, sowie Beiwörter, die die Frau und Mutter als ehrwürdig, Ehrfurcht gebietend bezeichnen.

Und wenn wir als Bestätigung dieser Sinnesart zwei Sätze aus dem altindischen Gesetzbuch des Manu anführen, in denen es heißt: „Wo die Frauen geehrt werden, sind die Götter erfreut; aber wo sie nicht geehrt werden, ist jeder heilige Brauch nutzlos“, und ferner: „Möge gegenseitige Treue bis zum Tode währen; das kann als die Zusammenfassung des höchsten Gesetzes für Mann und Weib angesehen werden“, so führt uns der Vergleich der griechischen und indischen Einstellung erneut in die gemeinsame indogermanische Vorzeit zurück. Dies aber bedeutet, wie bei der Unveränderlichkeit des Erbguts ja auch zu erwarten ist, daß sich die rassenseelische Haltung nordischer Menschen seit der Steinzeit nicht geändert hat.

Der wichtigste Zweck der Ehe war die Gewinnung von Söhnen, die die Dauer des Geschlechts sichern und den Ahnen die schuldigen Totenopfer bringen konnten; denn die Verehrung der Ahnen war nach der übereinstimmenden Überlieferung der indogermanischen Völker eine der vornehmsten Pflichten des nordischen Menschen der Vorzeit.

Das Gesetzbuch des Manu sagt hier sogar: „Für den Edelgeborenen (zweifach Geborenen) ist das Opfer zu Ehren der Ahnen wichtiger als das Opfer zu Ehren der Götter.“ Gefordert war ein tägliches Opfer des Hausherrn am heiligen Herdfeuer. Man hat diesen Brauch wohl mit der Furcht vor den Toten zu begründen versucht; und ohne Zweifel glaubt man auch, die Toten würden sich eine Vernachlässigung nicht gefallen lassen und den ungetreuen Nachfahren ihren Segen entziehen. Aber solche Art Furcht als Beweggrund für das ehrfurchtvolle Gedenken an Eltern und Voreltern, denen man alles verdankt, widerspricht nordischer Seelenhaltung durchaus. Auch bedeutet der im Lateinischen und Griechischen überlieferte Name für die Geister der Ahnen, lateinisch manes und griechisch mh˜neß, soviel wie die Guten, was die Frage eigentlich schon entscheidet.

Hinzu kommt, daß griechisch heros, ursprünglich etwa Ahnherr, dem Wortsinne nach Erhalter, Beschützer ist. Aberglauben hat es zu allen Zeiten gegeben; doch bei den großen indogermanischen Völkern tritt er nirgends in den Vordergrund.
Zur Verehrung der Ahnen gehört eine würdige Ausstattung ihrer Gräber. Das galt so sehr als Kennzeichen edler Abkunft, daß die athenischen Archonten vor ihrem Amtsantritt nach ihren Göttern und ihren Ahnengräbern gefragt werden. Ein Blick auf die gewaltigen Steingräber unserer norddeutschen Heideflächen zeigt, welche erstaunlichen Anstrengungen man gemacht hat, um die Ruhestätte der Ahnen zu sichern. Solche Gräber waren eines der stärksten Gemeinschaftsbänder der nordischen Sippe. Wie lebhaft die Verbundenheit mit den Ahnen geführt wurde, zeigt der Brauch der römischen Patriziergeschlechter, von ihren Toten Gesichtsmasken anfertigen zu lassen und in Nischen der großen Halle ihres Hauses aufzustellen. Beim Tode eines Angehörigen wurden sie von Dienern aufgesetzt und im vollen Schmucke der einstigen staatlichen Würden und Ämter hinter dem Sarge hergetragen, so daß die Ahnen den Sohn ihrer Sippe sichtbar zu Grabe geleiteten. Der uns heute fremdartig anmutende Brauch hat nach dem Bericht des Polybios, der um die Mitte des 2. Jahrhunderts vor der üblichen Zeitrechnung schrieb, auf die Zeitgenossen den allerstärksten Eindruck gemacht.

Die Griechen wiederum pflegten große Tote durch Preislieder und Kampfspiele zu feiern, wofür das Begräbnis des Patroklos in Homers Ilias ein schönes Beispiel ist. Diese Sitte scheint alt zu sein, da Spuren von Rennbahnen in der Nähe bronzezeitlicher Grabstätten auch bei uns im Norden vorhanden sind.
Die Pflege des Gedächtnisses der Ahnen geht in uralte Zeiten zurück und ist bei den nordischen Völkern der Anfang aller geschichtlichen Überlieferung gewesen. Welchen Wert man auf Abstammung von edlen Ahnen legte, zeigen die homerischen Helden, die eine aufgebreitete Kenntnis ihrer Stammtafel verraten. Glaukos z. B. überblickt sechs Geschlechterfolgen, und Aineias gar deren acht in zwei Linien. Die Aufzählung der Ahnen war keine müßige Prahlerei, sondern der unerläßliche Beweis der Ebenbürtigkeit. Mehr als der Eigenname galt die Zugehörigkeit zur Sippe.

Im übrigen betonte man nicht einseitig die väterliche Abstammung, nannte vielmehr oftmals auch die Mutter und den mütterlichen Großvater. Noch im demokratischen Athen mußten die Beamtenanwärter zum Beweis ihres Bürgerrechts außer den Eltern auch Namen und Herkunft beider Großväter angeben.

Auf die Entstehung solcher Forderungen müssen Rassenunterschiede einen entscheidenden Einfluß gehabt haben, wo immer nordische Völker Gebiete fremder Rassen eroberten. So folgen die strengen Bestimmungen des altindischen Kastenwesens aus der Notwendigkeit, die hellhaarigen und hellhäutigen Arier vor dem Aufgehen in der dunklen Urbevölkerung zu bewahren. Denselben Sinn hatte die ständische Abgeschlossenheit der altgriechischen Führerschicht: Daher fordern Theognis und Aischylos ebenbürtige Gattenwahl. Und Xenophon erklärt, das Menschengeschlecht entarte durch dauernde Vermischung der Schlechteren mit Besseren.

Als schließlich Plato sein  Volk in letzter Stunde durch einen großzügigen Züchtungsgedanken retten wollte, konnte er sich bereits nicht mehr durchsetzen.
Solange der nordische Rassenkern der indogermanischen Völker unversehrt blieb, war der Stolz auf edle Abkunft untrennbar mit dem Gefühl der Verpflichtung gegen die Ahnen verbunden, deren hohem Vorbild man nachzustreben hatte. Daher lautete das Sittengesetz nicht nur des homerischen Adels: „Immer der erste sein und überragen die andern und das Geschlecht der Väter nicht schänden…“ Und daß man den unmittelbaren Zusammenhang mit dem rassischen Äußeren noch durchaus fühlte, zeigt ein Wort des Tyrtaios: „Er beschämt sein Geschlecht und schändet sein herrliches Aussehn.“

Der Ahnen wert war nur, wer seine und damit seiner Sippe Ehre zu wahren wußte; darum sagt der Aias des Sophokles: „In Ehren leben oder tot in Ehren sein: so ziemt’s dem Edlen! Alles hast Du jetzt gehört.“8
Das aus der Vorzeit überkommene Bewußtsein der Sippeneinheit lebte auch in Pindar, wenn er die olympischen Kämpfer als Enkel sieggewohnter Ahnen pries: nicht sich selbst, sondern ihrem Geschlecht errangen sie den Sieg. Blut und Vorbild der Ahnen sind ihm die Kräfte, die immer wieder zu hervorragender Leistung führen. Kurz vor seinem Tode faßt er diese Anschauung nochmals in dem schönen Wort zusammen: „Im Wesen leuchtet hervor bei den Söhnen der edle Sinn von den Vätern her.“8 Daß neben dem Ahnenstolz die Freude an zahlreicher Nachkommenschaft lebendig war, ist für die Frühzeit selbstverständlich. Erst als die nordischen Völker in den eroberten Gebieten des Südens Kinderreichtum und Rassenreinheit aufgaben, verfielen sie dem Untergang, der sie alle erreicht hat.

Wir gehen nunmehr zu unseren näheren Vorfahren, den Germanen über, die in der mittel- und nordeuropäischen Heimat der nordischen Rasse das Erbe der Väter wohl unberührter bewahrt haben, als dies bei ihren unter fremden Rasseneinflüssen lebenden Vettern in Südeuropa und Vorderasien der Fall sein konnte. Statt der Großfamilie hatten sie in geschichtlicher Zeit allerdings meist nur die Einzelfamilie, die, wie noch heute vielfach bei unseren Bauern, die Großeltern auf dem Altenteil und gelegentlich auch unverheiratete Brüder und Schwestern des Hausherrn umfaßte. Die Großfamilien einiger norwegischer Gegenden scheinen jüngeren Ursprungs zu sein.

Einzelfamilie wie Sippe ruhten auf vaterrechtlicher Grundlage, aber wegen des Einflusses der mutterrechtlichen Megalithbevölkerung mit einer noch herausragenden Stellung des Mutterbruders und einer vollentwickelten Verwandtschaftsberechnung nach beiden Vorfahrenreihen. Während die Hausgemeinschaft der Einzelfamilie als herrschaftlicher Verband unter der Schutzgewalt des Hausherrn stand, neben dem in ihrem weiblichen Wirkungskreise die Hausfrau herrschte, wie das althochdeutsche Wort frouwa – Frau, eigentlich Herrin – zeigt, war die Sippe ein Genossenschaftsverband, in dem gleichberechtigte Familienhäupter ihre Einzelfamilien vertraten. Sippenälteste sind für die altgermanische Zeit nicht überliefert, finden sich aber im Dithmarscher Recht, das urtümliche friesische Zustände widerspiegelt.

Die männlichen Angehörigen der Sippe hießen Schwertmagen, alle weiblichen und die durch eine Frau verwandten männlichen Spindelmagen. Das heute ausgestorbene Wort Mage bedeutet Verwandter. Ein anschauliches Bild vom Aufbau der Verwandtschaft war dem Germanen nicht der Stammbaum, sondern der menschliche Leib; denn die Sippe wurde als leiblich-seelische Einheit empfunden. Den engeren Kreis der Hausgenossen, Eltern, Kinder, Geschwister, bezeichnete man als Schoß oder Busen, während sich entferntere Sippengenossen nach Knien und Gliedern abstuften. Daher sprechen wir noch heute von Familiengliedern, von Busenfreunden und Schoßkindern.

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