Durch Hunnen verursachte Massentaufe

Das Volk der Westgoten war trotz des erfolgten Friedens zwischen Athanarich und Fridigern durch das Christentum in zwei feindliche Teile zerrissen. Es fehlte Athanarich die politische Macht, den römischen Fremdglauben, so wie er es in seinem Gau getan hatte, auch in den der römischen Grenze näher liegenden Gebieten Fridigerns völlig zu zertreten. Rom schützte seine Bundesgenossen und seine Religion.

Da brach im Jahre 376 der furchtbare Hunnensturm herein. Das sich am Nordufer des Schwarzen Meers über die Krim und am Asowischen Meer entlang streckende Bruderreich der Ostgoten wurde zuerst von der feindlichen Woge getroffen und zerbrach. Nun trat Athanarich, den wir immer dort sehen, wo es die Freiheit seines Volkes zu verteidigen gilt, mit seinen Heiden den Mongolen entgegen. Es gelang ihm trotz heftigen Widerstandes nicht, die Übermacht aufzuhalten; er sah sich deshalb gezwungen, hinter den Dnjestr, später hinter den Pruth zurückzugehen. Als auch diese Stellung nicht mehr gehalten werden konnte und hunnische Reitermassen nach Überschreiten des Flusses das weite Land überschwemmten, flüchtete sich der größte Teil des Volkes unter Führung der Christen Fridigern, Alaviv und anderer Fürsten an die Donau und suchte Schutz bei den Römern. Athanarich aber, zu stolz, Römer und Christen um Hilfe zu betteln, zog sich mit seinen Getreuen in die transsilvanischen Alpen zurück.

Kaiser Valenz zögerte lange, die Massen der Goten, die mit Frauen und Kindern auf etwa eine Million geschätzt werden, in seine Provinzen aufzunehmen. Das Wagnis, ein solches waffenstarkes Volk über die Grenzen zu lassen, war groß. Da gab die Erwägung den Ausschlag: hier war eine vielleicht nie wiederkehrende Gelegenheit geboten, das, was seinen Vorgängern nur zum Teil geglückt war, mit einem Schlag zu erreichen: die völlige Verchristung der Goten. Wie weit priesterliche Einflüsterungen hier mitwirkten, hat uns Theodoret überliefert. Bischof Eudoxius „überredete“ den Kaiser, als Bedingung der Aufnahme die Unterwerfung unter das Christentum zu stellen. (14)

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Hunneneinfall

Der Kaiser verlangte von den Verzweifelnden, die, die Hunnen im Rücken, mehrmals vergeblich versucht hatten, das rettende Südufer mit Gewalt zu gewinnen, die Taufe und die Annahme des arianischen Christentums. Fast schien es, als ob dieser römische Plan noch einmal zerbrechen sollte. Mit schlichten Worten erklärten die gotischen Gesandten, sie könnten den väterlichen Glauben nicht verlassen. (15)

Da warf Ulfilas, „teils von Eudoxius durch Worte überredet, teils durch Geld bestochen“, (16) sein Gewicht in die Waagschale. Seiner Redegewandtheit gelang es, die Goten zur Annahme des Vertrages zu bringen.

Was blieb denen, die nicht mehr kämpfen wollten, übrig? Der Hunger wütete in ihren Reihen. Für die Taufe erkauften sie sich die Rettung. Aber ihre Freiheit war verloren! Klug hatte das Christentum die verzweifelte Lage eines tapferen Volkes auszunutzen gewußt. Das, was im geistigen Kampf der „Bekehrung“ nicht gelungen war, mußten Zwang und List erreichen.

Nach der Massentaufe der Hunderttausende durch zahlreiche Priester, „die Valenz schickte“ (Jordanis Kap. 25), wurden die Goten mit der Verpflichtung, dem römischen Kaiser Kriegsdienste gegen die Barbaren zu leisten, in Thrakien angesiedelt.

Es ist schwer, sich aus den spärlichen Nachrichten über jene Begebenheiten ein Bild von den inneren Vorgängen bei den Männern zu machen, die damals die Entscheidung hatten. Überragend klar erscheint Heldengröße und Folgerichtigkeit des Handelns nur bei König Athanarich. Er vertrat die Freiheit seines Volkes bis zum Letzen. Schmählich erschien es ihm, sein Haupt vor dem Kreuz und dem römischen Cäsar zu beugen. Nur wenige seiner Getreuen waren bei ihm in den Siebenbürger Bergen geblieben, die Mehrzahl auch seiner Gauleute hatten Sicherheit, Unterwerfung und Fremdlehre dem Kampf, der wegen der hunnischen Bögen (die dreimal weiter als die gotischen trugen, so daß die Goten von den Hunnen aus sicherer Entfernung von den Pferden herab zusammengeschossen wurden) aussichtslos schien, und der Freiheit vorgezogen.

Daß Kaiser Valenz, obwohl fanatischer Christ und Arianer, zögerte, die Massen der hungernden Goten über die Grenzen zu lassen, ist begreiflich. Sicher rang in ihm der Staatsmann gegen den Christen. Die erzwungene Taufe von Hunderttausenden waffenfähiger Germanen war für das Christentum ein ungeheurer Sieg, und die arianischen Priester, die an Bekehrungsfanatismus, politischer Schlauheit und Skrupellosigkeit ihren katholischen Amtsbrüdern kaum nachstanden, werden dem Kaiser gegenüber an Himmelsverheißungen nicht gespart haben, um die Entscheidung zu ihren Gunsten zu erzwingen. Für das römische Staatswesen aber war die Aufnahme eine große Gefahr.

Das Christentum hat seit 2000 Jahren seine eigene Politik, die nur ihm diente, getrieben. Es ging mit den Nationen zusammen, solange sich seine „irdischen“ Interessen mit denen der Nationen deckten; es half ohne Bedenken die Staaten zerbrechen, wenn es an Macht und Einfluß dadurch gewinnen konnte. Es war Weltreligion, also international, in seinem Auftrag und in seiner Verbreitung, und es hat sich bis heute in diesem seinem innersten Wesen nicht geändert. Ja, es kann sich nicht ändern, wenn es sich nicht aufgeben will. Roms Weltreich war die Schale, in dem es aus Pöbel- und Sklavenscharen zur Weltmacht wuchs, mit römischen Waffen und auf den Krücken römischer Kultur wurde es den Germanenvölkern gebracht. Als es in diesen, den Jüngeren, Aufstrebenden, Begabteren ein gefügiges Werkzeug erhalten hatte, ließ es die schützende Schale zerbrechen. Die Entscheidung an der Donaubrücke von Silistria kostete den Kaiser das Leben; aber die Kirche triumphierte.

Von den römischen Statthaltern ausgebeutet und gepeinigt, hungernd und verarmt raffte sich das Volk der Westgoten in letzter Verzweiflung auf und schlug in wildem Zorn die Legionen der Statthalter. Es war, als ob das Brausen des Blutes und die Volksseele noch einmal alles Fremde, Christentum und römische Kultur, überklang. Nicht nur die von Valenz Aufgenommenen, sondern zahlreiche, in römischen Diensten stehende germanische Krieger, Gefangene und Sklaven, die in früheren Kämpfen die Freiheit verloren hatten, Ostgoten, Westgoten und Taifalen, von allen Seiten strömten die Männer zu den Waffen. An ihrer Spitze aber stand, obwohl Christ und Römerfreund, Fridigern. Die Pflicht des Führers und sein germanisches Blut riefen jetzt auch diesen Germanen dorthin, wohin er gehörte.

Das erst vor zwei Jahren zwangsweise angenommene Christentum war bei den meisten wohl noch wenig in die Tiefe gedrungen. So konnte im ewigen Widerstreit von Blut und Fremdglauben jenes noch siegen.

Als Kaiser Valenz mit der Hauptmacht des römischen Heeres zu Hilfe eilte, wurde er in der großen Schlacht bei Adrianopel am 03.08.378 vernichtend geschlagen. Der Kaiser fiel mit zwei Dritteln seines Heeres.

Das oströmische Kernland lag offen vor den Siegern. Da trat der Rückschlag ein. Dem neuen Kaiser Theodosius gelang es, die Manneszucht in den entmutigten Legionen wieder herzustellen und die Goten, die schon auf Byzanz marschierten, in mehreren glücklichen Gefechten zurückzudrängen. Dabei ist es erschütternd zu lesen, daß in diesen Kämpfen westgotische Scharen (sicherlich Christen) zu den Römern übertraten und ihren eigenen Volksgenossen in nächtlichen Überfällen schwere Verluste beibrachten.

Als Fridigern im Jahre 380 auf einem Kriegszug starb, erschien Athanarich mit seiner Gefolgschaft an der Donau und übernahm die Führung der westgotischen Stämme. Er schloß mit Theodosius Frieden und Bündnis und behielt als Führer seines Volkes auf römischem Boden eine durchaus selbständige Stellung.

Die christlichen Schriftsteller feierten es als einen Triumph ihres Glaubens, daß der große Feind der Römer und des Christentums in den letzten Monaten vor seinem Tode seine Überzeugung geändert habe. Ein Beweis dafür, daß Athanarich den Römerglauben, den er ein Leben lang aus heißem germanischem Herzen bekämpft hatte, doch noch angenommen habe, kann nicht erbracht werden. Wer wollte ihn zwingen? Die Zeit, in der ein Valenz die Not der Goten benutzte, ihnen den Fremdglauben aufzudrängen, war vorbei. Rom fürchtete die Goten wieder! Athanarich wird, nachdem sein Volk „teilweise“ den alten Gottglauben verlassen hatte, die Nutzlosigkeit weiteren Kampfes gegen die neue Lehre erkannt haben. Ihm ging die Pflicht, in dieser schweren Zeit seinem Volke ein kraftvoller Führer zu sein und ihm die dringend nötige Ruhe nach jahrzehntelangen Kämpfen zu schaffen, über die Fragen religiösen Bekenntnisses.

Ob er recht daran getan hat? Die Geschichtsforscher, die die Geschehnisse vom rein politischen Standpunkt beurteilen, bejahen es, die Kirchenschriftsteller, denen die Unüberwindlichkeit ihrer Lehre Dogma ist, halten es für selbstverständlich. Wir sagen heute aus deutschen Herzen ein klares: Nein! Mit der Aufnahme des Christentums war dies nordische Volk der Welt des Südens verfallen. Alle Heldentaten, die es durch die Länder Europas bis zu den Küsten des Ozeans führten, haben seine Seele nicht wieder freimachen können. Es versank auf Spaniens Gefilden später in die finstere Herrschaft der Kirche, die seinen Untergang herbeiführte.

Wie stark Athanarichs Stellung auch nach dem Friedensschluß Rom gegenüber war, bewiesen die auffallenden Bemühungen des Kaisers, sich dieses mächtige Haupt der Goten wohlgesinnt zu erhalten. Er lud ihn nach Konstantinopel ein, empfing ihn dort als gleichgestellten Herrscher in einem prachtvollen Einzug und ließ ihn, als er zwei Wochen danach starb, eine Ehrensäule setzen. So endete der letzte große gotische Heide.

In demselben Jahr starb auch sein christlicher Gegner Ulfilas. (17) Er hatte bis zuletzt eine Mittelstellung zwischen Goten und Römern eingenommen, d. h. er gehörte keinem Volke an. Sein Christentum stand über den völkischen Grenzen. So sehen wir ihn unter den Bischöfen des oströmischen Reiches an allen Synoden in Byzanz teilnehmen, sehen ihn als entscheidenden Verhandlungsführer bei der Aufnahme der Hunnenflüchtlinge auf Seiten Roms und finden ihn wahrscheinlich auch in jenem Presbyter wieder, den Fridigern, wie uns Ammianus Marcellinus (18) berichtet, vor der Schlacht bei Adrianopel mit einer geheimen Botschaft an Kaiser Valenz betraut.

Die Moesogoten, die der geistliche Hirte leitete, hatten im Verlaufe eines Menschenalters den Zusammenhang mit ihrem Volke völlig verloren. Sie lebten getrennt von den Neueingewanderten in ihren Siedlungen am Haemus. (19) Als der große Befreiungskampf des Jahres 378 losbrach und alle auf oströmischem Boden wohnenden Goten zu den Fahnen eilten, wurden auch sie von den Volksgenossen aufgefordert, mitzuziehen. Sie weigerten sich aber. Eine Anzahl wurde von den empörten gotischen Kriegern getötet, die meisten flohen in die Berge. „Sie blieben“, schreibt Isidor, (20) „nicht allein katholische Christen, sondern auch den Römern, die sie einst aufgenommen hatten, treu und ergeben.“ Wir haben nach den oben geschilderten Vorgängen nicht anderes von ihnen erwartet. Sie waren eben im Gegensatz zu den Zwangsgetauften überzeugte Christen.

Freiwillige Christianisierung?

Es ist eine bei christlichen Theologen und Geschichtsschreibern beliebte Behauptung, das Christentum sei von den Germanen ohne Zwangsmittel, aus freiwilliger Überzeugung angenommen worden. Eine Zeit, die die schweren und immer schwerer werdenden Spannungen zwischen Deutschtum und Christentum fühlt, bedarf, sofern sie das Christentum retten will, dieser Behauptung und bemüht sich dementsprechend krampfhaft, die geschichtlichen Beweise dafür zu erbringen.

In noch höherem Grade müssen diejenigen Richtungen, die von dem schwankenden Boden einer Wahlverwandtschaft zwischen Germanentum und Christentum ausgehen, den Nachweis erbringen, daß die germanische Seele im Christentum ihre „Erfüllung und Erlösung“ gesehen und auch gewissermaßen auf die „Bekehrung“ gewartet hätte. (21) Jeder Zwang der Mission und jeder Widerstand gegen den Fremdglauben entzieht ihnen den Boden unter den Füßen.

So geben Rückert (22) und andere mit Widerstreben zwar zwei geschichtliche Tatsachen zu, die man wirklich nicht mehr ganz verdecken kann: die Niedermetzelung der Sachsen durch Karl den Westfranken und die Scheußlichkeiten der beiden Bekehrerkönige Olaf Tryggvason und Olaf der „Heilige“ in Norwegen; sie versuchen aber mit einer Umdeutungs- und Auslegekunst, die die der besten Talmudisten übertrifft, diese christlichen Untaten zu entschuldigen und aus der Zeit und politischen Lage verständlich zu machen. Es wird die „weltliche“ Politik vorgeschoben, wenn die Kirche eine unmoralische Tat zu verhüllen hat.

Außer bei den Sachsen und Norwegern aber ist die Missionierung, so sagt man, in voller Freiwilligkeit vor sich gegangen. „Bei den Ostgoten und Westgoten“, so schreibt Rückert, (23) „den Vandalen, den Langobarden, den Burgunden, den Franken, den Bayern und Allemannen, bei der ganzen Bonifatiusmission in Hessen und Thüringen, bei den Angelsachsen, den Dänen und Schweden und endlich auch auf Island kann von Gewaltanwendungen gar keine Rede sein. Bei all diesen Völkern und Stämmen handelt es sich um einen freiwilligen Übertritt der Germanen zum Christentum.“

Die Angaben der Theologen können einer näheren Prüfung der geschichtlichen Tatsachen nicht standhalten. Die Christen haben sich die Beweisführung sehr leicht gemacht, wenn sie als Zwang nur jene blutrünstige Christianisierung der Sachsen und Norweger bezeichnen. Daß aber Zwang noch in anderer Form, aber ebenso wirksam ausgeübt werden kann, haben sie übersehen. Die Mission kannte vor tausend Jahren wie heute auch Druckmittel feinerer Art und hat sie je nach Bedarf angewandt.

So müssen wir aus der Völkertafel Rückerts die Westgoten, wenigstens in ihrer größten Mehrheit, streichen. Oder will Rückert behaupten, daß die Goten Athanarichs aus „innerer Überzeugung“ Christen wurden, als die christlichen Legionen und die Scharen Fridigerns „unter Voraustragung des Kreuzes“ in ihr Land einbrachen und unter dem Schutz ihrer Waffen die Priester mit Predigt und Taufe begannen? Oder ist die Zustimmung der mit Weib und Kind und Wagen flüchtenden Goten, die im Rücken die Übermacht der mongolischen Horden wußten, zur Annahme des Christentums wirklich eine freiwillige gewesen?

Wir müssen diese Fragen verneinen.

Ich denke, wir werden noch mehr der von Rückert genannten Stämme streichen müssen. (23 a)

Von der Verchristlichung der Vandalen wissen wir nichts, von der der Ostgoten fast nichts. Die Wahrscheinlichkeit spricht bei den Vandalen für ähnliche geschichtliche Vorgänge wie bei den Westgoten. Waren jene doch auch nach einer vernichtenden Niederlage durch die Goten in der Schlacht an der Marosch gezwungen, in römisches Gebiet zu flüchten und den Kaiser Konstantin um Hilfe und Land zu bitten (um 337). Um den Plattensee in Ungarn angesiedelt, standen sie hier zwei Menschenalter lang unter römischer Herrschaft und waren zu Waffenhilfe und Abgaben verpflichtet. In dieser Zeit wurden die Vandalen Christen. Die Vermutung liegt sehr nahe, daß entweder bei der Aufnahme die Bedingung der Verchristlichung gestellt wurde, oder die eifrigen Bekehrer Konstantins und Valenz, die wir ja kennengelernt haben, später einen Druck auf sie ausgeübt haben.

Von den Ostgoten waren starke Scharen unter ihren Herzögen Alatheus und Safrach mit Fridigern zusammen auf römisches Gebiet geflohen. Für sie galt ebenfalls als Bedingung der Aufnahme die Annahme der römischen Religion. Diese verchristeten Goten kehrten später wieder zu ihrem Volke zurück und bildeten dort das Ferment römischen Wesens und römisch-christlicher Kultur.

Die Geschichtsschreiber haben sich manchmal über die Schnelligkeit gewundert, mit der das Christentum bei den Germanen Aufnahme fand. Die vor dem Hunneneinbruch noch fast völlig heidnischen Ostgoten tauchten nach dem Zusammenbruch der Mongolen, also nach 75 Jahren, als Anhänger der „neuen Sitte“ auf. Bei den Westgoten genügten 32 Jahre, um sie zu verchristen.

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Das Mongolenreich

Christliche Historiker und Theologen waren mit Gründen für diese Tatsachen sehr schnell zur Hand. Wem das Christentum die einzige und einmalige Heilswahrheit ist, dem fällt es nicht schwer, die Ursachen der schnellen Verchristung in der sieghaften Überzeugungskraft dieser Religion zu finden. Man brauchte dann nur unter Mißachtung wichtiger Quellen, z. B. des Tacitus oder der Isländersagas, den Gottglauben der Germanen als tiefstehend, roh oder „primitiv“ zu bezeichnen, dann waren bescheidene Leser aufs Tiefste überzeugt, daß damals Licht gegen Finsternis kämpfte, daß es also einen Widerstand gar nicht geben konnte. In logischer Fortführung des Gedankens waren dann Männer wie Athanarich, die zu verhindern suchten, daß ihr Volk aus seinem „düsteren Aberglauben“ erlöst wurde, gottlos, widerwärtig und blutdürstig.

Andere entdeckten im altgermanischen Glauben „Vorahnungen“ des Christentums. Ihnen wurde dieses dann die „Erfüllung und Vollendung“ einer niedrigen Vorstufe der Religion. Die Germanen hätten dann nur auf das Licht aus dem Süden gewartet und mit Sehnsucht und Innerlichkeit das endlich dargebotene Glück ergriffen.

Wir wollen versuchen, diesen Fragen etwas tiefer nachzugehen. Zunächst waren die Westgoten, von denen in dieser Arbeit hauptsächlich gesprochen werden soll, in ihrer Mehrzahl, wie wir gesehen haben, recht wenig von der südlichen Heilsbotschaft erbaut. Sie hatten wohl die Erfahrung gemacht, daß sich im Anfang die weniger wertvollen Glieder des Volkskörpers – und welches Volk hätte deren nicht! – der neuen Lehre zuwandten. Die Grenzgaue an der Donau, die schon vorher mehr der Verrömerung anheimgefallen waren, wurden zuerst ergriffen. Abenteurern, die sich aus dem Sippenverband lösten und drüben ihr Glück versuchten, Händlern, die bei den Römern aus- und eingingen, ehrgeizigen Gauhäuptlingen, sich mit dem großen Konstantin oder einem seiner Nachfolger, bei dem sie früher Waffendienst geleistet hatten, gut stellen wollten, endlich Nachkommen aus Mischehen zwischen Goten und Römern fehlte der innere Halt gegen den Fremdglauben. Man hatte den Glanz des großstädtischen Lebens dort in Byzanz gesehen. Wie einfach, ja ärmlich erschien nun das heimatliche Bauernhaus! Wenn man sich nach der Rückkehr in Tracht und Gebaren römisch gab, so erhöhte das, wie man hoffte, die Achtung und das Staunen der gotischen Bauern. Menschliche Schwachheit, Eitelkeit und Byzantinismus gab es damals wie heute.

Allerdings waren Athanarich und seine Heiden der Meinung, daß solche Volksgenossen nicht zu den Edelingen des Volkes zu rechnen waren. Sie wurden darin bestärkt, als sie diese Christen auch politisch in engster Fühlung mit den Landesfeinden sahen.

Der edlere Teil des Volkes setzte sich in klarer Erkenntnis der tödlichen Gefahr mannhaft gegen den Fremdglauben zur Wehr, und hat es überall und zu allen Zeiten getan, wenn das Christentum gegen germanisches Wesen zum Angriff ging.

Da kam jenes Ereignis, das germanisches Selbstbewußtsein in der Wurzel traf: die Überflutung des Abendlandes durch die Hunnen. Ob es die tiefe rassische Verschiedenheit zwischen Germanen und Hunnen, ob es die den Germanen unfaßbare Grausamkeit der Eindringlinge oder ihre zahlenmäßige Übermacht war, Tatsache ist die ungeheure psychologische Wirkung auf die germanischen Stämme. Wenn sich waffenstarke Völker, vor denen eben noch Roms Legionen gezittert hatten, nach den ersten Niederlagen von den Hunnen kampflos überrennen ließen, so wird dies, wenn es überhaupt bei der Dürftigkeit der Quellen erklärbar ist, nur durch einen schweren seelischen Zusammenbruch verständlich.

Den Deutschen, die die vergangenen Jahrzehnte mit blutenden Herzen erlebten, ist jener innere Zusammenbruch nichts Fremdes. Wir sahen nach dem ersten Weltkrieg und sehen es heute ja selbst, welchen Wahnsinns ein Volk, das sich wenige Jahre vorher tapfer gegen die halbe Welt wehrte, in solch sittlicher Auflösung fähig war und ist. Da brach jeder Halt an den hohen Werten des Volkstums zusammen. Was Vernunft und Blutsbewußtsein geboten, wurde und wird verhöhnt. Das war und ist die Zeit, wo wesensfremdem Geistesgut Tür und Tor geöffnet waren, wo der Fieberberauschte blind nach dem Giftbecher greift, der ihm als Heilmittel gereicht wurde.

Jene Goten, die von den Hunnen gehetzt und an ihrer eigenen Macht und Stärke verzweifelnd dort bei Silistria um den Donauübergang bettelten, hätten jede Religion, die ihnen als Bedingung gestellt worden wäre, angenommen, ob es der Buddhismus, der ägyptische Isiskult oder das Christentum war. Von einer Annahme aus innerer Überzeugung hören wir nichts. Aus Not und Zwang ließen sie halb widerwillig, halb gleichgültig die fremdartige Kulthandlung der Taufe über sich ergehen. Die hungernden Massen waren auf die Getreidelieferungen der römischen Magazine angewiesen, da das bebaute Land, das man mit den römischen Einwohnern teilen mußte, zur Ernährung des Volkes nicht ausreichte. Man brauchte die Behörden, folglich ließ man sich auch die behördlich gewünschte Religion gefallen. Allmählich wurde das Fremde zur Gewohnheit.

Daß dann beim Aufstand des Jahres 378 zugleich mit der römischen Herrschaft nicht auch das römische Christentum, die arianische Staatsreligion, abgeschüttelt wurde, dafür sorgte die mittlerweile erstarkte Kirche. Die nächste Geschlechterfolge, die unter Alarich weiterzog, war zwischen römischen Städtern aufgewachsen und im Christenglauben erzogen worden. Sie waren kraftvoll genug, die Weltmacht politisch zu erschüttern, aber nicht mehr fähig, den Fremdglauben in sich zu überwinden. Die alte artreine Frömmigkeit, die einst ohne „Wort“ und „Schrift“ alles Handeln und Denken durchdrungen hatte, war verschwunden. Die neue Jugend hatte sich an den Priester gewöhnt. Und die Kirche war zielbewußt und hatte im „Menschenfischen“ schon hundertjährige Erfahrung.

Wir erinnern uns an das schon erwähnte Collegium goticum, das der Bischof Johannes Chrysostomus in Konstantinopel errichten ließ, und in dem „junge Männer ostgotischen Stammes als Missionare für ihre Landsleute herangebildet wurden“ (Huber). Dort wurde in einer eigens dafür errichteten Kirche gotisch gepredigt. Denn der (katholische!) Bischof „hielt es für zweckdienlich, dieses merkwürdige Zugeständnis der gotischen Nationalität zu machen“ (Huber).

In einer zweiten Hinsicht wirkte der Hunnensturm auf die Goten im Sinne einer schnellen Verrömerung und damit der schnellen Annahme des Christentums. Der seit Jahrhunderten fast unaufhörlich tobende Kampf zwischen Germanen und Römern hatte durch den gemeinsamen Feind zu einer gemeinsamen Frontbildung gezwungen, die auf den katalaunischen Feldern ihre letzte Ausprägung fand. Bei dieser politischen Annäherung ließ sich eine engere kulturelle Fühlungnahme nicht  vermeiden.

Die Gotenstämme fühlten sich, wenn auch militärisch verdrängt und unterworfen, in ihrer Gesittung den mongolischen Horden turmhoch überlegen. Das brachte sie ganz von selbst den Römern und Griechen näher. War es verwunderlich, daß auch die Volkstreuen, die trotzig einst das römische weibische Wesen, das vornehme Gebaren der verweichlichten Städter, die Proskinesis (das anbetende Knieen) vor Kaiser und Priester verlacht hatten, nun milder in ihrem Urteil über die Sitten der neuen Bundesgenossen wurden? Wie eng diese Verbindung der Westgoten mit den Römern im gemeinsamen Lande war, hören wir aus einer Rede des Synesios: Die Stellen der Unterführer in den Legionen, bald auch die höheren und höchsten Offizierstellen waren von Goten besetzt, während die Mannschaften oft noch Einheimische waren. In allen Staatsämtern saßen Goten. Das Straßenbild von Konstantinopel war von gotischen Soldaten, Schülern und Kaufleuten belebt. Römische Vornehme trugen den Goten zu Ehren germanische Tracht, Edelinge der Goten warfen sich bei Beratungen in den römischen Verwaltungskörpern die Toga um. Selbst der große Alarich verlangte als Friedensbedingung vom Kaiser die Verleihung eines römischen Ehrentitels.

Wie sollte sich bei dieser engen geistigen Verschmelzung noch die reine Art gotischer Gesittung und Gottglaubens erhalten?

Damit findet eine andere, oft umstrittene Frage ihre Erklärung: Warum haben die ostgermanischen Völker das arianische Glaubensbekenntnis, nicht das katholische angenommen?

Es wurden hierfür tiefgründige Erklärungen gegeben: Der freiere arianische Bibelglaube hätte dem Wesen der Germanen näher gelegen als der starre Dogmatismus der katholischen Kirche. Der Priester habe beim Arianismus eine schwächere Stellung als beim Katholizismus gehabt. Oder: Dem „Gott zwar ähnlichen (homoiusios), aber nicht wesensgleichen (homusios)“ Christus des Arianismus ständen in den germanischen Halbgöttern verwandte Gottwesen gegenüber. Weiter: Der arianische Glaube hätte mehr die heldische Seite im Gottessohn, der katholische mehr die duldende gezeigt. Schließlich sei die auf dem Konzil zu Nicäa durch Mehrheitsbeschluß gefundene Dreieinigkeit den Goten zu unsinnig gewesen.

Diese Begründungsversuche stimmen zwar bei einzelnen Christen, sind aber für die große Mehrzahl nicht richtig. Den Goten war nicht die Auswahl zwischen den verschiedenen christlichen Sekten gelassen worden. Kaiser Valenz und seine Priester verlangten die Annahme ihres Bekenntnisses; und das war eben das arianische.

5 Jahre später, nach dem Konzil zu Konstantinopel, wurde der Arianismus als scheußliche Ketzerei gebrandmarkt und verfolgt: Wären die Goten damals Christen geworden, so hätten sie ohne Zweifel den katholischen Ritus angenommen.

Durchaus abwegig aber ist die Meinung, die gotischen Krieger und Bauern hätten in ihrem, trotz zunehmender Verrömerung noch geraden, naturhaften Sinn Verständnis für das spitzfindige Priestergezänk über „homusios“ und „homoiusios“ aufgebracht. Die großen Auseinandersetzungen über diese Fragen, wie die zu Konstantinopel, Aquileia (381) und Karthago (484), blieben Angelegenheit der eifernden Priesterkasten, der arianischen wie der katholischen.

Es ist bei ernster Prüfung auch die Behauptung nicht aufrecht zu erhalten, daß der Arianismus den Ostgermanen wegen seiner biblischen Reinheit und seiner Gewissensfreiheit näher gelegen hätte. Manche haben einen Vorläufer des Protestantismus in ihm gesehen und haben darin das dem Germanen wesensnahe Moment gefunden. Vielleicht werden eifrige Sucher sogar den „arischen Christus“ noch in seinen Lehren entdecken und das Rätsel der germanischen Bekehrung gelöst zu haben glauben.

Der Arianismus war Christentum wie der Katholizismus! Die Unterschiede waren Haarspaltereien! Beide hatten ihre Dogmen und eiferten dafür mit Wut und Haß und, wenn sich Gelegenheit bot, mit Blut und Scheiterhaufen. Den wüsten Arianerverfolgungen in Ostrom nach dem Konzil von Konstantinopel folgten in Nordafrika Hinrichtungen und Verbrennungen der „Rechtgläubigen“. Die arianische Priesterschaft bediente sich des „weltlichen Armes“ der Vandalenkönige mit demselben Geschick, wie es die römisch-katholische seit jeher getan hatte. Der Glaubenshaß und die Unduldsamkeit haben nun einmal ihre Wurzel in den altjüdischen Schriften der Bibel, und dieses Buch wurde von beiden Sekten gemeinsam als „Heilige Schrift“ angesehen.

Wir verfallen nur allzu leicht bei Betrachtung der arianischen Goten und Vandalen in den geschichtlichen Irrtum, das Große und Erhabene im Denken und Handeln jener Menschen, eines Alarich oder eines Theoderich, dem Arianismus gutzuschreiben, ein Fehler, den selbst Edmund Weber in seiner sonst so prächtigen Schrift nicht ganz vermieden hat. Was uns für den großen Ostgotenkönig begeistert, ist nicht das Arianisch-christliche, sondern das Germanische, was die Sage besungen hat: seine stolze und tapfere Männlichkeit, seine Großherzigkeit den Andersdenkenden gegenüber, die weite und umfassende Schau seines Geistes und endlich seine Treue. Der „heilige“ Augustin irrt, wenn er in seinem Buche de Civitate dei („über den Gottesstaat“) die Milde der Westgoten Alarichs bei der Einnahme Roms dem „Verdienst des Namens Christi“ zuschreibt. Es war die germanische Ritterlichkeit und Hochherzigkeit. Christliche Römer jedenfalls hatten kurz vorher Tausende von Ostgoten mit Frauen und Kindern heimtückisch abgeschlachtet. Von einem „Verdienst des Namens Christi“ war bei dieser Meintat nichts zu erkennen.

Man erhebt zum Lobe des Arianismus endlich seine Romfreiheit. Unmöglich war, so sagt man, dem freien Germanen, der seinem König mit erhobenem Haupte gegenüberstand, die knechtische Unterwürfigkeit vor dem Hohenpriester in Rom. Die Romfreiheit lag nicht im Wesen des Arianismus, sondern in seiner geschichtlichen Entwicklung, die die Goten bei ihrer Verchristlichung allerdings nicht voraussehen konnten. Der Arianismus war in den entscheidenden Jahren zwischen 329 und 381 im Begriffe, Weltreligion zu werden, wie es seine katholische Schwester wurde. Die Absage des „Stuhles Petri“ an ihn ließ ihn diese Rolle ausspielen. Sie mußte darauf geschichtsnotwendig zu germanisch-arianischen Nationalkirchen führen. Andererseits lehrt uns die Geschichte, daß es auch katholische Nationalkirchen gegeben hat, die ebenfalls „romfrei“ waren. So blieb die katholische Kirche des Frankenreiches jahrhundertelang durchaus selbständig.

Genau wie die „rechtgläubige“ Kirche zeigte die arianische eine streng hierarchische Gliederung, mit Diakonen, Presbytern, Bischöfen und Metropolitanen. Ihr Reichtum an Grundbesitz, damit ihr Einfluß und ihre Macht im Staate, war nicht geringer als der der katholischen Kirche. Er wurde von beiden Kirchen zur Erreichung ihrer Ziele klug benutzt.

Der Unterschied der beiden großen christlichen Sekten war nicht derart, daß er die germanische Seele zu einer wesenstiefen Entscheidung gedrängt hätte. Alle germanischen Völker, mit Ausnahme der Ostgoten und Vandalen, die vorher zugrunde gingen, haben das arianische Bekenntnis später wieder abgelegt und das katholische angenommen. Das war nur ein Wechsel von Christentum zu Christentum. Der Bruch durch die germanische Seele geschah nur einmal: damals, als die Fremdreligion angenommen wurde.

Warum Untergang?

Es bleibt zum Schlusse die wichtige Frage zu beantworten: Wie verhielt sich der altgermanische Gottglaube als solcher gegen das angreifende Christentum? Hat er sich gewehrt oder strich er sofort die Flagge? Warum unterlag er?

Nichts beweist so sehr die Notwendigkeit, das Einbrechen der Christentums in die germanische Seele einmal vom rein germanischen, d. h. nichtchristlichen Standpunkte aus zu beleuchten, wie die Antworten, die christliche Historiker auf diese Fragen geben. Wir haben nach den Forschungen Neckels und Kummers allerdings heute nur noch ein Lächeln über die, die einen Gottglauben der Germanen als tiefe Frömmigkeit überhaupt nicht kennen oder ihnen höchstens einen Fetisch- und Götzendienst auf der Höhe innerafrikanischer Pygmäen zubilligen. Wenn Dr. Alois Huber in seiner vierbändigen Geschichte der Einführung und Verbreitung des Christentums in Südostdeutschland die sittliche Höhe unserer Vorfahren mit folgendem Satze beschreibt: (24) „Mit der angeborenen Roheit ging bei einzelnen Stämmen eine sittliche Verkommenheit Hand in Hand, die ihnen einen Platz unter dem unvernünftigen Vieh anweist“, so ist es verständlich, daß sich dieses christliche Urteil auch auf den heidnischen Glauben erstrecken muß.

Es muß eben unbedingt „ad majorem dei gloriam“, zum höheren Ruhme Jahwes, alles Heidnische, was dem Christentum entgegenstand, in den Schmutz getreten werden, damit das „Licht der Heilslehre“ um so heller leuchten konnte. Da aber dem großen christlichen Zerstörungswerk am germanisch-heidnischen Schrifttum doch einiges entronnen war, das nicht zu dem gewünschten Bilde paßte, so nannte man es „Mythologie“. Das waren Sagen von Göttern und Helden, oder Märchen und Geschichten, die der Großvater abends den Kindern erzählte. Daß ein Heldenglaube auch gelebt werden konnte bis in den kleinsten Alltag hinein, lag einem Geschlecht, dem das Dulden eines „Lammes, das zur Schlachtbank geführt wird“, Inbegriff des Göttlichen war, weltenfern.

War die Frömmigkeit jener nordischen Islandfahrer, die, ihren fulltrui („Freundgott“) im Herzen tragend, die dem Thor geweihten Hochsitzpfeiler im Anblick der Küste ins Meer werfen und gläubig den schwimmenden nachfolgen und dort landen, die Felsen, Bauernhöfe und Söhne nach ihrem Gott nennen, nicht tiefer und inniger als die von tausenden der heutigen Christen? Wenn aber aus solcher Gottverbundenheit heidnische Männer es wagten, dem Fremdglauben Widerstand entgegenzusetzen – und sie haben es an vielen Stellen getan – so wird die Schale christlicher Entrüstung über sie ausgeschüttet. Haß, Gottlosigkeit und Grausamkeit wird die Abwehr dessen genannt, was heiligste Lebenskreise zerstörte. Das Christentum, das sich in den Garten germanischer Frömmigkeit eindrängte, war ein Fremdkörper, der sich zwar in mehrhundertjähriger Missionserfahrung geschickt anzuschmiegen wußte (vgl. den Heliand), aber von den Besten immer wieder als Fremdkörper empfunden wurde.

Nein, der germanische Glaube ist nicht vor dem „Lichte des Christentums“ zusammengebrochen. Er hat sich an allen Stellen des Zusammentreffens, soweit er es seinem Wesen nach konnte, tapfer gewehrt. Wir haben bei den Westgoten solch mannhaften Abwehrkampf verfolgen können. Nicht die Überzeugungskraft, nicht die größere sittliche Höhe des Fremdglaubens oder gar die „göttliche Gnade“, die ja nach Ansicht der Christen das wirksame Prinzip der Bekehrung ist, haben gesiegt, sondern die zielklare berechnende Bewußtheit einer fanatisierten und fanatisierenden Glaubensorganisation gegenüber Menschen, die noch nie daran gedacht hatten, daß man Innerstes und Heiligstes „organisieren“ und als Waffe gegen andere Glaubenswelten gebrauchen kann.

Zwei Gegner standen sich mit ungleichen Waffen gegenüber: Der „göttlichen Gnade“ auf der einen Seite war jedes Mittel recht: „alle natürlichen Mittel stehen ihr in reichster Auswahl zur Verfügung“, und: „sie weiß auch aus dem sittlich Bösen noch Gutes zu ziehen, wie die Biene Honig aus der Giftpflanze“ (25). Listiges Überreden mit Versprechungen und Drohungen, Ausnutzen aller politischen Schwächen, kluges zur Schau Stellen wirksamen Prunkes (manche Bekehrer erschienen im großen Ornat, da einfache Mönche in ihren Bettelkleidern von den Germanen verlacht wurden!), waren ebenso gebräuchlich wie rücksichtsloses Vorgehen mit Feuer und Schwert, wenn kraftvoll Widerstand geleistet wurde, waren doch nach Auffassung des katholischen Gelehrten Huber die Heiden ein zu vertilgendes „schädliches Ungeziefer“.

Auf der anderen Seite ein erstauntes Nichtbegreifen, daß Göttliches überhaupt „gepredigt“ werden könne. Der Germane lebte nach dem heiligen Gesetz seines angeborenen Wesens. Wie es sein Recht, das keines Codex’ und keiner Paragraphen bedurfte, in sich trug, so seinen Glauben. Er handelte nach einem als selbstverständlich empfundenen göttlichen Willen in sich, aber er sprach nicht viel davon und bedurfte keiner schriftlich niedergelegten „Gebote“. Das erhaltene nordische Schrifttum ist in diesen Dingen seelisch keusch wie kein anderes.

Der Orientale überschlug sich in Lobpreisungen und überschwänglichen Schilderungen seines Gottes, er schrie in zahllosen Psalmen um Hilfe, zerraufte sich das Haar und zerriß sich die Kleider in religiöser Hysterie und schrieb Bände von heiligen Schriften über seinen Gott. Daraus ergab sich allerdings eine gewisse gedankliche Schulung in der Behandlung religiöser Dinge, die, mit der düsteren Glut des Fanatismus gepaart, ihre Wirkung erreichen mußte.

Weltenfern stand der germanische Bauer diesem organisierten Glaubensbetrieb gegenüber. Vor allem aber kannte er kein Priestertum, eine von allen Kirchenhistorikern gewürdigte, für das Einbrechen des Christentums äußerst wichtige Tatsache.

Beim Eindringen in das römische Imperium traf das Christentum auf einen, zwar in zahlreiche Religionen organisierte, aber berufsmäßigen Priesterstand, der mit dem Sieg der neuen Lehre seine Machtstellung und wirtschaftliche Existenz verlor: Zu allen Zeiten wurde die Priesterschaft nicht nur durch die Überzeugung, sondern auch durch diese begreiflichen rein menschlichen Gründe zum heftigsten Kampfe gegen eine neue Religion veranlaßt. So rangen bei den Orientalen die Priester als Kämpfer zwischen den Heeren, wenn es zu den üblichen Missionsversuchen zwischen den Religionen kam: die Baalspriester gegen die jüdischen Propheten, die strengen Vertreter mosaischen Glaubens, Schriftgelehrte und Hohenpriester, gegen die Gründer der neuen christlichen Sekte. Der Kampf endete dann meist mit der blutigen Vernichtung der unterlegenen Priesterschaft.

Der germanische Gottglaube, der Predigt und Priester nicht kannte, hatte solche in religiösen Wortgefechten geschulte Kämpfer der fremden Mission nicht entgegenzustellen.

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Die nordischen „Goden“ oder westgotischen „Gudjans“ waren ja keine „Priester“, sondern wegen ihrer Tapferkeit, ihres Einflusses und Besitzes hochangesehene Bauern und Krieger, die nur die spärlichen Kulthandlungen beim Thing vollzogen, aber nicht daran dachten, sich als „Mittler zwischen Gott und Mensch“ wie der Priester über dem Laien zu fühlen. Das Wort „Priester“ für diese im Sippenleben und auf der Thingversammlung führenden Männer, das leider auch Neckel anwendet, ist irreführend und müßte aus den Büchern, die das Leben unserer heidnischen Vorfahren behandeln, verschwinden.

So traf der christliche Angriff bei den Goten einen Glauben, der weder eine Apologetik noch Apologeten hatte, dessen Verhältnis anderen Glaubensüberzeugungen gegenüber grundsätzlich Achtung oder Gleichgültigkeit war, zwei Eigenschaften, die das Christentum in seiner Geschichte nie gekannt hat, und der endlich gerade damals in einer gewissen Wandlung begriffen war. Ich meine die Entwicklung von der Sippen- zur Volksreligion.

Der Glaube umschloß als heiligen Lebenskreis seit Urzeiten die Sippe. „Sibjis“ heißt auf gotisch „verwandt, friedlich“, „unsibjis“ heißt „unfriedlich, ungesetzlich und sippenfremd“; es mischte sich hier ein politisch rechtlicher mit einem religiösen Begriff. Solange nun ein Germanenvolk im Ackerfrieden auf heimatlichem Boden lebte – und das war das Gewöhnliche, während Krieg und Wanderung das Ungewöhnliche waren – konnten Spannungen zwischen den beiden Lebenskreisen Sippe und Volk dem Gemeinwohl kaum schaden. Es war die Möglichkeit gegeben, in langsamer Entwicklung aus dem kleinen Kreis der Sippe in den größeren des Volkes hineinzuwachsen, ja, den ursprünglich nur rechtlich-politischen Kreis des Volkstums, wie wir es bei den nichtwandernden Stämmen der Sachsen sehen werden, allmählich religiös zu unterbauen.

In den schweren Zeiten der Wanderung und des Krieges aber mußte, da Leben und Tod des Volkes davon abhing, diese Entwicklung wenigstens auf politischem Gebiete stürmisch verlaufen. Volks- und Staatsbewußtsein mußten entstehen, da die Not dazu zwang. Wir wissen, daß der Freiheitsdrang nordischen Wesens dieses Reifen zum Volk erschwerte und unsere Geschichte mit unendlicher Tragik erfüllte. Was Armin und Marbod versucht hatten, und woran sie scheiterten, da die Zeit und die Erkenntnis noch nicht reif waren, nämlich die Schaffung eines starken, nach außen festgefügten Volkes und Staates, gelang erst den ins Imperium vordringenden Vandalen und Goten. Im Sturm der Wanderkriege war bei ihnen der rechtlich-politische Gedanke von der Sippe auf das Volk übergegangen, aber nicht der religiöse.

Hier bahnte sich die Entwicklung vom Engen zum Weiten erst an. Die germanische Seele begann – vielleicht zum ersten Male – das Wesen Volk in seiner tiefsten religiösen Heiligkeit zu umfassen. Der an die Sippe gebundene Glaube mußte dabei die engen Bande zerbrechen, mußte den Midgardfrieden auf alle Volksgenossen ausdehnen.

Das brachte Unsicherheit in uralten religiösen Bestand. Ulfilas kannte noch kein gotisches Wort für „Volksangehörige“. Er nennt ihn „Innakunds“, d. h. Geschlechtsgenosse, bezeichnet also noch immer mit dem engeren Wort den weiteren Begriff.

Athanarich hatte als Gaukönig die Pflicht, das Volk vor Landesverrat zu schützen. Deshalb bekämpfte er als Vertreter des größeren Lebenskreises das Christentum. Er vertrat damit den neuen Gedanken der nicht bloß gefühlten, sondern bewußt gelebten Einheit von Volkstum und Gottglauben. Die Sippe aber, obwohl durch Abfall einzelner Glieder in ihrem Inneren gestört, hatte diesen Sprung vom Engen ins Weite noch nicht gewagt: sie versuchte noch immer, die Abtrünnigen in ihrem Frieden gegen das Wohl des Volkes zu halten und zu schützen. Wir sehen, es standen sich, als das Christentum kam, Volk und Sippe auf dem Boden des Gottglaubens noch in Spannung gegenüber, eine Tatsache, die zur Schwächung des heidnischen Abwehrkampfes führte.

Wir brauchen nicht nach Beweisen dafür zu suchen, daß „etwas morsch im germanischen Glauben war“, wie es christliche Geschichtsschreiber so gerne tun. Wer aus einzelnen abträglichen Geschichten, die in Heiligenlegenden und Kirchenbüchern über (angeblich und sicher fast immer gelogenes) auffallend schnelles Abfallen vom germanischen Glauben überliefert werden, einen Rückschluß auf Kraft und Höhe dieses Glaubens zieht, wird zur Verzerrung der Wahrheit kommen. Rückert, (26) der das tut, würde erstaunt sein über das Ergebnis solcher Rückschlüsse, die wir heute aus dem Verhalten christlicher Kreise auf das Christentum ziehen könnten.

Es ist allerdings schwierig, ein kleines Bild zu gewinnen, da alles, was wir an Überlieferungen besitzen, nur von Seiten der Bekehrer dargestellt ist. Der germanische Glaube hatte nicht die Möglichkeit, uns, den Nachfahren, sein Ringen mitzuteilen. Rücksichtslos hat das Christentum alles, was heidnisch war, zertreten, verbrannt und verteufelt, nach dem Bibelwort: „Ihre Altäre sollst du umstürzen, ihre Götter zerbrechen und ihre Haine ausrotten.“ Unersetzliches Kulturgut unseres Volkes wurde dabei vernichtet.

Nun sind wir gezwungen, uns aus Scherben ein Bild vom Glauben unserer Ahnen zu machen. Was wir noch finden, darf uns Deutsche mit Stolz erfüllen, wenn uns auch ein tiefes Naturerkennen in den Jahrhunderten weiter geführt hat. Und wenn das Bild Schatten hätte, so ist es doch Wesen von unserem Wesen, nicht Fremdglaube, wie die auf asiatischem Boden erwachsene Religion, die sich des Sieges rühmt.

Welchen Deutschen aber wird nicht die ungeheure Tragik des Schicksals erschüttern, daß die Germanen ein Weltreich zertrümmerten und dabei die Religion dieses Völkertrümmerhaufens annahmen. Als Sieger wurden sie Besiegte. Rom starb und ließ den Siegern ein Danaergeschenk zurück, das die germanische Seele nicht zum Frieden kommen läßt, heute wie vor 1000 Jahren. Der Riß zwischen angeborenem Wesen und Glauben zieht sich durch unsere ganze Geschichte, und nur Blindheit oder enger Fanatismus kann ihn leugnen. Wir können die Augen schließen und ihn nicht mehr sehen wollen, wir können ihn mühselig verkitten, wie der Helianddichter und zahllose Wohlmeinende nach ihm. Aber die germanische Seele muß wahrhaft sein im Heiligsten und Tiefsten, sie kann anders nicht leben. So zieht sich der Kampf um eigengeartete Frömmigkeit von Ekkehard über Luther und Ludendorff in immer steigender Glut und klarer Bewußtheit bis zu den „Ketzern“ heutiger Tage.

Die Geschichte hat ihr Urteil gesprochen, sagen die anderen. Wir aber sagen: die Geschichte schreitet weiter! Was sind tausend Jahre im Leben unseres Volkes? Germanentum ist ewig! Der alte Götterglaube verging, aber die Seele, die ihn schuf, lebt wie vor tausend Jahren.

Dr. Robert Luft
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Anmerkungen:

(14) Theodoret, Hist. eccles. IV, 37: tenikauta paron Eudoxios ho dy sonimos, hypetheto to basilei peisai auto koinonesai tous Gotdous lebaioteran gar, ephe, to koinon tou fronematos ten eirenen ergasetai.

Cassidor, Hist. trip. schreibt ähnlich: tunc praesul Eudoxius suggessit imperatori, ut ei Gothi communicarent… Communio, inquit, unius dogmatis firmiorem faciet pacem.

Theodoret und Cassiodor irren allerdings, wenn sie nur einen Übertritt vom katholischen zum arianischen Glauben annehmen. Die Mehrzahl der Schutzsuchenden waren Heiden.

(15) Theodoret, Hist. eccles. IV, 37.: Hui de ouk anexesthai elegon ten patroan kataleipsein didaskalian.

Vgl. Cassiodor op. ed Garet. VIII, 13: Illi vero dicebant, paternam se mutare non posse doctrinam.

Dieser väterliche Glaube ist der heidnische, nicht der katholische.

(16) Theodoret: kai logois kataklesais Eudoxios, kai chremasi deleasas.

Ich lasse es dahingestellt, ob dies Wahrheit, oder nur eine katholische Gehässigkeit gegen den Priester der andern christlichen Konfession ist.

(17) Georg Waitz: „Über das Leben und die Lehre des Ulfila“ nimmt als Todesjahr das Jahr 388 an.

(18) Ammianus Marcellinus XXXI, 12, 8: christiani ritus presbyter ut ipsi adpellant.

(19) Jordanis, Kap. 51

(20) Chronica Gothorum bei Grothius S. 712 nach Waitz: „Über Leben und Lehre des Ulfilas“ S. 46. Isidor irrt; es waren Arianer.

(21) Wilmar: Geschichte der deutschen Nationalliteratur. 3. Aufl. (1848) S. 7 ff.: „Das Christentum war dem Deutschen nichts Fremdes und Widerwärtiges. Der Deutsche Charakter bekam dadurch vielmehr erst die Vollendung seiner selbst. Er fand sich in der Kirche Christi selbst, nur gehoben, verklärt und geheiligt wieder.“

(22) Rückert, Die Christianisierung der Germanen.

(23) Rückert, Die Christianisierung der Germanen.

(23 a) Umfassend dazu Heft 23 der Schriftenreihe der Artgemeinschaft-GGG, 3. Aufl. 3804

(24) Bd. 1, Seite 22. Bezeichnend ist auch folgender Satz (Seite 24): „Als auffallende Tatsache ist in der Geschichte einzuregistrieren, daß die wildesten unter den deutschen Stämmen, und die wegen ihrer Barbarei zum Christentum nicht befähigten, nämlich die heidnischen Vandalen und die größtenteils nicht christlichen Heruler, durch Zulassung der waltenden Vorsehung, wie schädliches Ungeziefer spurlos von der Erde vertilgt wurden, worin ich nur die Bewährung des göttlichen Ratschlusses erblicken kann.“

(25) Huber, Bd. 1, S. 27

(26) Die Christianisierung der Germanen, s. o.