Geschrieben von: Jürgen Rieger
Die endgültige Ausbaustufe von Stonehenge, wie wir es heute kennen, ist vor 3800 Jahren erreicht worden, wobei wir aber wissen, daß es schon viele Jahrhunderte vorher Vorformen gegeben hat, die ebenso wie Stonehenge der Beobachtung von Sonne, Mond und Sternen gedient haben. Vor einigen Jahren wurde in England ein hölzerner Pfostenkreis entdeckt, der als „Woodhenge“ bezeichnet wurde, weil hier ein aus hölzernen Säulen bestehendes Observatorium entdeckt wurde, Alter über 5000 Jahre.

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 So wie es das Bauen mit Großsteingräbern aber nicht nur in England, sondern auch in vielen anderen von den Vorfahren der Germanen besiedelten Gebieten gegeben hat, gilt dies natürlich auch für den Kult, insbesondere die Sonnen-, Mond- und Sternenbeobachtung und gleichzeitig -verehrung. Wegen der Vernachlässigung der eigenen Vorgeschichte und der Tatsache, daß sich das bekannteste Beispiel dieser Art in Deutschland in der früheren DDR befand, ist hier im Westen aber wenig darüber bekannt geworden. Es handelt sich um das Ringheiligtum auf einem Bergsporn bei Quenstedt. Die Durchlässe, vier an der Zahl, in den insgesamt sechs ringförmigen Holzpalisaden waren nach Sternbildern ausgerichtet. Das Alter dieser Anlage wird auf rund 7000 Jahre geschätzt. Dieses im Harzvorland liegende Observatorium, (da 3 Öffnungen wegen der örtlichen Gegebenheiten nicht als Durchgänge für Prozessionen interpretiert werden können) wurde bislang als das älteste dieser Art weltweit angesehen. Ob die nunmehr am Mittelberg nahe Nebra (Sachsen-Anhalt) entdeckte Holzpalisaden-Anlage, mit einem Durchmesser von etwa 200 Metern, die nach dem Leiter des Landesmuseums für Vorgeschichte, Harald Meller, ebenfalls als Observatorium gedient hat, älter ist als diejenige von Quenstedt, wäre noch zu erweisen, so daß die in der Presse bereits aufgetauchten Meldungen, die kreisförmige Wallanlage mit Graben sei das älteste Observatorium der Geschichte, noch der Überprüfung bedarf. Die in einem Wald bei Nebra gefundene Anlage ist auf einem Berg errichtet, wo man bei klarer Sicht den 80 km entfernten Brocken sehen kann, den auffälligsten Berg des Harzes. Von dem Observatorium auf dem Mittelberg kann man den Sonnenuntergang zur Sommersonnenwende genau über dem Brocken beobachten. Der Berg ist 252 m hoch, und da noch viel Baumbewuchs vorhanden ist, es ferner keine detaillierten Ausgrabungen gegeben hat, müssen genaue Ergebnisse noch auf sich warten lassen.
Was aber bereits Erdspuren von dort ergeben haben, ist die Tatsache, daß die Bronzescheibe von Sangerhausen ursprünglich in der Nähe der Ringwallanlage auf dem Gipfel des Mittelberges gelegen hat.

Über die Bronzescheibe hatte erst kürzlich wieder der FOCUS berichtet, nachdem erstmalig bereits in den Heften 9/2002 und 12/2002 Berichte waren. Diese Bronzescheibe ist zusammen mit beiliegenden Funden von einem Raubgräber – solche können nicht genug verurteilt werden, weil sie Fundhorizonte zerstören, und Fundumstände üblicherweise nicht mehr herstellbar machen – ergraben worden, ist mehrere Jahre lang durch eine illegale Händlerszene gegangen, bis sie Anfang diesen Jahres in Basel beschlagnahmt werden konnte. Sie ist mit den zugehörigen Fundstücken der frühen Bronzezeit auf dem Titelbild dieses Heftes dargestellt worden, und sofort gab es eine Reihe von Spekulationen hierüber. Inzwischen weiß man etwas mehr, so daß wir jetzt einen zusammenfassenden Bericht bringen.

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Sicher sind sich alle Experten, daß die Scheibe astronomische Bedeutung hat. Neuere Röntgenanalysen und mikroskopische Untersuchungen deuten darauf hin, daß sie in vorgeschichtlicher Zeit mehrmals umgestaltet wurde, was ganz natürlich ist. Sonnenaufgangs- und Untergangspunkte sowie Sternenaufgangs- und Untergangspunkte ändern sich im Laufe von Jahrhunderten, und wenn die Scheibe – wie aufgrund ihrer großen Bedeutung im Kult und des hohen Wertes von Bronze zu erwarten ist – viele Jahrhunderte in Gebrauch war, mußte sie umgestaltet werden, damit sie noch den Sternenhimmel zu bestimmten Zeiten richtig wiedergab.
Von heiligen Gegenständen weiß man, daß sie lange gebraucht wurden. Wenn sie irgendwann schadhaft oder unbrauchbar geworden waren, wurden sie nicht eingeschmolzen, sondern üblicherweise unbrauchbar gemacht, meist – so vorhanden – im Moor versenkt. Beschädigungen an dieser Scheibe konnten festgestellt werden. Da bei Sangerhausen die Raubgräber aber nicht nur diese Scheibe, sondern auch andere Bronzegegenstände, nämlich zwei Griffzungenschwerter, zwei Randleistenbeile, ein Meißel, zahlreiche Armringe, und Kleinteile zusammen gefunden hatten (vergleiche Abb.), gehen die Ausgräber jetzt davon aus, daß die Scheibe – nachdem sie nicht mehr im Kult benutzt wurde – mit in ein Grab gelegt wurde. Dies aber wäre ein höchst ungewöhnliches „Endlager“ für ein Kultobjekt; üblicherweise sind diese nicht in Gräbern niedergelegt worden. Zu verweisen wäre beispielsweise auf die bronzezeitlichen Goldhelme, die auch gesondert gefunden wurden, einer von ihnen auch von drei Beilen umgeben. Für eine Grablage sprechen im vorliegenden Fall Armringe und Kleinteile, dagegen die Doppelzahl von Beilen und Schwertern, da üblicherweise einem Toten nur jeweils eins dieser Gegenstände mitgegeben wurde. Ich bin deshalb der Auffassung, daß die Objekte nicht einem Toten mit ins Grab gelegt wurden; das aber ist das Übel der Raubgräber, daß sich diese Frage nun endgültig nicht klären läßt.

Das Alter der Scheibe wird auf ca. 3600 Jahre veranschlagt. Sie hat einen Durchmesser von 31-32 cm und ist mindestens 2 Kilogramm schwer. Von dem runden Goldball, der entweder Sonne oder Vollmond darstellt, ist ein Teil der Goldauflage ausgebrochen worden. Weiterhin sind auf den Goldstreifen am Scheibenrand zwei punktförmige, leichte Vertiefungen zu sehen, ebenfalls Beschädigungen.

Der Archäologe Jens May vom brandenburgischen Amt für Denkmalspflege in Waldstadt ist der Auffassung, daß die Bronzescheibe ein Mondphasenkalender sei. Die 29 Goldplättchen auf der Scheibe seien keine Sternenbilder, sondern Anordnungen der Tage des Mondkalenders. Die Punkte seien Symbole für den Ablauf des 29 tägigen Mondmonats. Nach seiner Auffassung wurde die Mondkalenderscheibe von den damaligen Benutzern im Ablauf von 14 1/2 Tagen schrittweise bis zu 90 Grad entgegen der Uhrzeigerrichtung bis zur Vollmond-Phase gedreht. Danach wurde die Scheibe wieder um etwa 90 Grad bis zum Tag des Neumonds zurückgedreht.

May befaßt sich schon seit Jahren mit der Deutung von bronzezeitlichen Kalendarien und glaubt, daß auf der Scheibe kein Schiff, keine Sonne und auch kein Horizont dargestellt seien; die beiden gebogenen Goldstreifen, die sich auf der Scheibe am Rand gegenüberstünden, stellten eine Art Bedienungsanleitung für die Drehbewegung im Sinne hin und her dar. Er vergleicht dieses Prinzip mit einem Taktgeber für Musikinstrumente, einem Metronom.

Seine Auffassung ist aber dadurch erschüttert worden, daß ein weiterer Stern, nämlich ein dreißigster Stern, abgefallen war, aber gerettet werden konnte. Röntgenuntersuchungen haben ferner festgestellt, daß ursprünglich 32 Sterne auf der Scheibe leuchteten. Damit gewinnt die Deutung der Experten des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle an Gewicht. Sie sind der Auffassung, daß Sonne und Sichelmond dargestellt sind, ferner auch ein Schiff. Soweit der Landesarchäologie Harald Meller das Schiff aber damit in Verbindung bringen will, daß mit dem Schiff Verbindungen nach Ägypten erfolgten, wo die Astronomie auch eine große Rolle spielte, ist diese Deutung hergesucht. Wir wissen aus der nordischen Mythologie, daß die Sonne tagsüber von Rössern über den Himmel gezogen wurde, nachts als in einem Schiff fahrend (sie ging ja hinter der See unter) gedacht wurde. Auf Rasiermessern der Bronzezeit haben wir zahlreiche Darstellungen, wo Sonnenscheiben auf Schiffen mit Schwanenköpfen zu sehen sind. Auf der Rückseite jeder „Nordischen Zeitung“ haben wir ein Band aus solchen Sonnenschiffen wiedergegeben.

Wenn Meller also sagt, daß das Schiff in einen religiösen Kontext gehört, ist dies sicherlich richtig, aber in einem anderen Sinne, als er es meint.
Die kleinen goldenen Plättchen werden von ihm als Sterne gedeutet, wobei er eine Ansammlung von 7 Goldpunkten als Sternenhaufen der Plejaden in einer Himmelsstellung wie vor 3600 Jahren ansieht.

Auch Professor Wolfhard Schlosser von der Ruhr-Universität Bochum, der sich um die Archäo-Astronomie sehr verdient gemacht hat, ist der Auffassung, daß nicht die Mondtage mit den kleinen Plättchen dargestellt sind, sondern Sterne. Die seitlichen goldenen Rundbögen interpretiert Schlosser als östlichen und westlichen Horizontbogen. Sie zeigen die Punkte des Sonnenauf- und Sonnenunterganges über das Jahr. Die Winkel entsprechen dem errechneten Sonnenlauf in der frühen Bronzezeit für die Region Sachsen-Anhalt. Deswegen ist Schlosser der Auffassung, daß diese Scheibe auch nicht importiert ist, sondern in Sachsen-Anhalt hergestellt worden ist. Fundort und Bilderwelt der Scheibe passen zueinander.

Auch Schlosser ist der Meinung, daß diese Bronzescheibe zum Observatorium des Mittelberges bei Nebra gehört. Das Alter dieser Scheibe – es ist die älteste astronomische Anweisung, die wir kennen – in Verbindung mit dieser Anlage ist in der Tat eine Weltsensation, und zeigt, daß es bereits Jahrtausende vor der Geburt eines angeblichen Christus eine hochentwickelte germanische Himmelskunde (dargestellt in Reuters hervorragendem Buch: „Germanische Himmelskunde“) gab, was dann verlorenging bis hin zur absurden Auffassung, die noch im Mittelalter geglaubt wurde, daß die Erde eine Scheibe sei, womit uns auch auf diesem Gebiet das Christentum unvergleichlich geschadet hat. Aus dem Osten kommen nicht das Licht und nicht die Weisheit, sondern Terror und Verderben, Ignoranz und Stupidität, Hohn auf Wissenschaft und Weisheit, Ausrottung von Gelehrtenfamilien.

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Neben der Tatsache, daß es sich um eine Scheibe mit astronomischem Inhalt handelt, (in ihrer Einzigartigkeit nur dem bronzezeitlichen Sonnenwagen von Trundholm vergleichbar), sind sich die Experten weiterhin darüber einig, daß sie im Zusammenhang mit einer astronomischen Anlage dazu diente, die Jahreszeiten genau zu bestimmen, um die Zeiten für die Aussaat festzulegen. Jäger, Sammler und Viehzüchter sind gezwungen, dauernd herumzuziehen. Nur Ackerbauer errichteten deshalb astronomische Anlagen, weil sie ortsgebunden waren; für sie waren diese auch ganz besonders bedeutsam. Da die ersten solcher Anlagen im Nordwesten Europas gefunden wurden, nicht im Orient, sollte die Forschung auch die These, der Ackerbau sei zu uns aus dem Osten gekommen, auf den Prüfstand stellen. Früher war man der Auffassung, die Idee, Megalithgräber zu bauen, sei vom Mittelmeer in den Norden und Westen Europas gewandert. Heute weiß man aufgrund der revidierten C 14 Methode, daß es umgekehrt war, und daß die ältesten Großsteingräber in unserem Bereich gebaut wurden. Da die ältesten Observatorien hier älter sind als der angenommene Beginn des Ackerbaues im Orient, ist nach meiner Meinung dadurch der schlüssige Beweis dafür erbracht, daß auch der Ackerbau von hier aus seinen Siegeszug über die Welt angetreten hat. Der älteste Pflug der Welt wurde in Walle/Ostfriesland gefunden.