Geschrieben von: Almut Gerke
Nachdem in vielen Bildern die Germanen an uns vorübergezogen sind, bleibt uns noch übrig, auch die Nachbarn zu betrachten. Noch besaßen die Germanen nicht das gesamte Gebiet, das heute unser Vaterland umfaßt. Sie teilten es mit zwei großen Völkergruppen, den Illyrern im Osten, den Kelten im Westen. Das waren zwei mit ihnen stamm- und sprachverwandte Völker, die wir vom Gesichtspunkt der Sprachgeschichte seit Franz Bopp als Indogermanen bezeichnen. Am Ausgang der Bronzezeit haben die Germanen ihre Nachbarn immer weiter südwärts abgedrängt, immer mehr Besitz ergriffen von dem Land, das heute Deutschland heißt.

Die Illyrer

Im deutschen Osten saß der indogermanische Stamm der Illyrer mit seiner bereits nordisch bestimmten Oberschicht. Lange war man sich über die Zugehörigkeit seines Volkstums im unklaren. Heute ist erwiesen, daß die Illyrer keinesfalls, wie unsere östlichen Nachbarn wahrhaben wollten, Slawen gewesen sind. Ebensowenig ließ sich die Meinung aufrechterhalten, nach der die Illyrer bereits als Germanen zu gelten hätten. Beide Kulturen heben sich deutlich voneinander ab.

Es ist wohl auch nicht glücklich, diese Ostkultur als „Lausitzer Kultur“ zu bezeichnen. Denn sie beschränkt sich nicht auf die Lausitz allein, wenn man auch dort die ersten Gräber aufdeckte. Wir folgen daher Gustav Kossinna, der diese Kultur „illyrische Kultur“ benannte. Schlesien darf wohl als die Wiege der illyrischen Kultur angesehen werden. Einheitlich geschlossen erstreckt sie sich weiter über einen Teil der Mark Brandenburg, Böhmen, Polen und mit Ausstrahlungen nach Pommern und Mitteldeutschland. Die Illyrer stießen auch bis zur Ostseeküste vor, wo sie den Namen Veneter tragen, ein Name, der ihren fernsten Nachfahren blieb, die heute in – Venedig wohnen. Auch die sagenhafte Stadt Vineta, die im Meere versunken sein soll, hängt mit ihnen zusammen. Die vergleichende Sprachwissenschaft hat in ostdeutschen Orts-, Fluß- und Wäldernamen illyrisches Sprachgut erkannt. Die Illyrer sind ein friedliebendes Volk von Bauern und Viehzüchtern gewesen. Während wir bei den Germanen die Hügelgräber kennenlernten, haben die Illyrer ihre Toten verbrannt und in Urnen im flachen Boden beigesetzt. Tausende solcher Ascheurnen fand man nebeneinander, richtige Urnenfelder, Urnenfriedhöfe. Besonders auffällig ist hier der Reichtum schöner Tongefäße, auf deren Schultern kräftige Buckel aufgesetzt sind. Ihre Farbe ist häufig durch einen Graphitüberzug tiefschwarz und glänzend.

Wir zeigen zwei solche bezeichnende Buckelgefäße in Strichzeichnung (Abb. 28). Abbildung 29 läßt eine illyrische Schutzburg sehen, auf einem Hügel über der Oderniederung. Sie ist aus Pallisaden und Steinschichtungen errichtet wie die heute in ihrer Bauweise gut erforschte „Schwedenschanze“ bei Oswitz in der Nähe von Breslau. Solche Burgen waren notwendig, damit der Bauer oder Hirte in ihrem Schutz gegen fremde Einfälle friedlich seiner Arbeit nachgehen konnte. Selbst Gehöfte waren manchmal befestigt, so die von Starzeddel (Kreis Guben), die unsere Zeichnung (Abb. 30) zeigt, nach einem Modell des Mainzer Zentralmuseums. [newpage] Unten am Fluß auf unserem Bilde (Abb. 29) sehen wir auf einen Stab gestützt einen Hirten stehen, im Gras sitzt ein Mädchen, das den für die Illyrerin bezeichnenden Brustschmuck trägt, die bronzene Spiralplattenbrosche, durch die eine große Nadel mit Kreuzbalkenkopf durchgestreckt ist. Das berühmteste und schönste Fundstück dieser Art ist die sogenannte Schweidnitzer Fibel, die das Museum in Breslau verwahrte, eine Brustspange von 34 Zentimeter Länge, mit einer spitzovalen Mittelplatte, in die Kreise und Wellenlinien eingestochen (gepunzt) sind. Ihre Kreuznadel hat drei Querbalken. Da die Schweidnitzer Fibel nicht in einem Grabe gefunden wurde, deutet man sie als Weihegabe einer Frau. Illyrisches Opfer Höchst merkwürdige Fundgegenstände aus dem illyrischen Kulturbereich sind kleine zwei- oder dreirädrige Deichselwagen aus Bronze, etwa 22 Zentimeter lang, auf deren Achse Vögel, zuweilen auch Stierköpfe in vereinfachter (stilisierter) Form angebracht sind (Abb. 31). Sechs solcher Wägelchen sind bisher im mittleren Odergebiet gefunden worden. Über die Bedeutung ist man sich noch nicht recht klar. Vielleicht darf man vermuten, daß diese kleinen Wagen heilige Zeichen waren; Räder und Vögel galten auch in anderen Kulturen als Sinnbilder der Fruchtbarkeit.

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Illyrische Statue

Aus gleichzeitig gefundenen Bronzehülsen, die das Ende einer langen Stange gebildet haben müssen, meint man, daß diese Wagen an der Spitze einer solchen Stange gesteckt haben. Dafür würde auch die Tülle sprechen, in welche die Wagendeichsel endet. Manche Forscher wiederum möchten annehmen, daß diese kleinen Wagen nur weltlichen Zwecken gedient haben können und etwa als fahrbares Tafelgerät bei einem illyrischen Fürsten verwendet worden sind. Die Tafelsitten dieser Zeit dürfen wir uns ruhig ausgeprägt und sehr verfeinert vorstellen. Wir haben uns, der Ansicht des Breslauer Museums folgend, aus unserem Bilde (Abb. 32) zu der Deutung dieser Wagen als Kultgerät entschlossen. Bei einer Opferhandlung steht rechts und links vom Altar ein priesterlicher Diener, der an der Spitze einer langen Stange ein solches Wägelchen hält. Andachtsvoll verharrt links die Dorfgemeinde und wartet auf den Priester, der mit einem goldenen Becher zur Trankopferhandlung hinter der Eiche hervortritt.

Die Skythen

Unsere deutsche Ostmark ist im Laufe der Geschichte oftmals durch feindliche Scharen, die von Osten kamen, verheert worden. Jeder hat wohl schon von den Hunnen gehört oder den Mongolen. Jedoch die ersten östlichen Anstürme seit dem Ausgang der Bronzezeit, etwa vor 2500 Jahren, geschahen durch die Skythen.

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Skytischer Krieger

Dieses wilde Reitervolk war ein iranischer Stamm, der über die Karpathen wie ein Unwetter auf die friedliche Kultur der Illyrer im Odergebiet hereinbrach, ein fremdes Volk nach Tracht, Kampfesart und Bewaffnung. Sehr heimtückisch wirkten ihre dreikantigen, scharfen Pfeilspitzen, die man im Schutt belagerter und niedergebrannter Burgen am Siling und am Wall des Breiten Berges bei Striegau in Schlesien gefunden hat. Die Skythen durchzogen sengend und brennend Schlesien und verschwanden wohl ebenso schnell, wie sie gekommen waren.

Und doch hinterließen sie einen der kostbarsten Goldfunde, den Schatz von Vettersfelde, Kreis Guben in Brandenburg, der sich im Berliner Alten Museum befand. Er ist wohl in einer Werkstatt am Schwarzen Meer entstanden und gehörte einem skythischen König, der nicht weit von Berlin sein Leben lassen mußte. Das bedeutendste Stück daraus ist ein großer goldener Fisch, auf dessen Schuppenkleid wilde Tiere, Fische und eine geschwänzte Wassergottheit dargestellt sind. Unser Bild (Abb. 33) zeigt, wie ein illyrisches Dorf von einem skythischen Reitertrupp gebrandschatzt und geplündert wird. An dem starken germanischen Bollwerk zerbrach der Skythensturm.

…wird fortgesetzt…
 
Anmerkung:
Die Seitenangaben beziehen sich auf die Printausgabe der Nordischen Zeitung.