Geschrieben von: Nordbruch

Ein belletristischer Versuch


Weihnachten letztes Jahr! Wie könnte ich die Geschehnisse, die sich damals ereignet haben, jemals vergessen. Diese Ereignisse, die mich so unvorbereitet und so unwiderruflich verändert haben. Ja, sie sollten mein Leben grundlegend umkrempeln. Klar, ich war nie ein besonders religiöser Mensch gewesen, eher schicksalsgläubig, aber auch das nicht unbedingt, wie soll ich sagen, dogmatisch. Nicht, daß ich an nichts geglaubt hätte. Nein, nur allein das Wort »glauben« erhöhte schon meine innere Pogrombereitschaft. Ich hielt Zeit meines Lebens mehr vom »Wissen«. Und doch, tief innen in mir drin, fühlte ich, daß es etwas Unfaßbares, etwas Göttliches gab. Nicht in der Form, wie sie es uns in der Schule suggeriert hatten. Nein, sondern natürlich. Das Göttliche konnte ich während eines hervorragenden Musikstückes von Meat Loaf oder ELO oder den Beatles hören. Göttliches erkannte ich in dem mächtigen Wuchs einer Eiche oder einer Buche. Wahrlich, Göttliches schmeckte ich bei erlesenem Wein. Göttliches empfand ich beim Anblick von grünem Wald, blauen Seen, gelben Wüstendünen oder weißen Vulkangletschern. Eine bezaubernde Frau erschien mir göttlich zu sein. Und natürlich fühlte ich Göttliches jedesmal, wenn sich die Türe unserer Einpropellermaschine öffnete, und wir uns, behelmt und die Fallschirme umgeschnallt, zum Sprung aus 12.000 Fuß vorbereiteten und endlich mit einem Satz hinaushechteten, zunächst durch den Flugwind ein wenig unbalanciert umhergeschleudert wurden, aber dann in stabiler Position im freien Fall der Erde entgegensausten.

Ja, zur großen Enttäuschung meiner Eltern war ich gewiß kein Christ, und erst recht kein katholischer. Eine Bewandtnis, die früher oft zu peinlichen Schweigeminuten im Elternhaus geführt hatte. Aber diese Zeiten waren ja längst vorbei. Ich besuchte meine Eltern ja wieder. Sogar am 24. Dezember. Ich mußte allerdings die knapp neunzig Kilometer zu meinem Heimatdorf mit meiner BMW zurücklegen, da mein Auto, na ja, nicht gerade im besten Zustand war und den winterlichen Erfordernissen der Verkehrssicherheit entprach. Es war bitterlich kalt, aber trocken – und das war ein meteorologischer Zustand, der in unseren Breitengraden schon etwas zu bedeuten hatte, denn entweder war es bei uns sauheiß (und es regnete), oder es war frostig (und es regnete). Ich also rauf auf den Bock und zum Weihnachtsfest geheizt.

Und es sollte gar nicht so schlecht werden. Zum Aufwärmen gab mir mein Vater erst mal einen anständigen Glühwein. Und die spätere Geschenkübergabe – sie erfolgte selbstverständlich nachdem meine Eltern und Geschwister brav gebetet hatten – war insofern schon auszuhalten, als es dunkles Weihnachtsbock in rauhen Mengen gab. Wir verstanden uns an diesem Abend wirklich gut. Ich fand durchaus, daß es ein schöner Festabend war. Uns allen blieben peinliche Momente erspart und wir hatten uns eine Menge zu erzählen und zu lachen. So wurde es auch niemanden langweilig, niemand spähte hoffnungsvoll zum Fernseher. Und beim Kaminfeuer schmeckte auch der eine oder andere selbstgebrannte Schnaps. So wurde es viel später, als ich eigentlich beabsichtigte, wieder nach Hause zu fahren. Aber es war ja noch trocken und außerdem war mit allzuviel Verkehr auf den Straßen nicht zu rechnen. Nur hätte ich damit rechnen sollen. Hab ich aber nicht, und so ärgerte mich der einsetzende Regen umso mehr.

In einem kleinen Waldstück kurz vor meiner Wohnung legte es mich schließlich hin. Genauer gesagt knallte ich volles Rohr auf einen Granitblock, der als Denkmal an den letzten geschossenen Bären in unserer Gegend schon voriges Jahrhundert am Waldrand aufgestellt worden war. Und genau den hatte ich frontal genommen. Volle Kanne. Mein Motorrad Schrott und ich tot. Was ich allerdings zunächst freilich gar nicht bemerkte. Vielmehr glaubte ich mich in einem jener Träume, die so ungemein realistisch sind, daß man sich am nächsten Morgen in seinem Bett überhaupt nicht mehr auskennt und noch einige Zeit braucht, wieder auf die Reihe zu kommen. Nur lag ich nicht in meinem Bett und mein Dämmerzustand hielt unvermindert an. Kein befreiendes Erwachen. Nur dieser angenehm-unheimliche Zustand der Trance. Und als ich mich schließlich auch noch am Felsen kleben sah, wußte ich, daß ich tatsächlich hinüber war. Na großartig! Ich schüttelte nur den Kopf und wollte mich gerade fragen, was in dieser Lage nun zu tun sei, als ich mir erst auf die Lippen biß und dann meine Augen zusammenkniff. War das möglich? Vor mir stand für meine Begriffe ein riesiges Pferd, auf dem eine wunderschöne junge Frau saß. Eigentlich mehr eine Kriegerin, aber wunderschön. Blond war sie und muskulös. Und trotzdem sehr feminin. Über ihrem weißen Kleid trug sie eine Art ledernen Lendenschurz, an dem, und das begeisterte mich fast am meisten, ein blitzendes Schwert hing. Das märchenhafte Wesen griff zu mir herab und hob mich auf das Roß, das sich umgehend in die Lüfte zu erheben begann. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir durch die Lüfte geritten waren, als meine Reiterin ihr Tier zum Stehen brachte. Sie deutete mit ihrer rechten Hand gen Osten und ich sah die Sonne aufgehen, wie ich sie noch nie hatte aufgehen sehen: Sie war rot und hell und warf warme Strahlen auf die Wolken, die in phantastischen Spektralfarben eine farbenfrohe und harmonische Vorstellung gaben. Die Kriegerin drehte sich zu mir um, sah mich mit ihren tiefgrünen Augen an und flüsterte nur ein einziges Wort: »Bifröst«. Das Wort sagte mir überhaupt nichts. Ich nickte nur ergriffen und murmelte einen aha-ähnlichen Laut. Als das Pferd weitergaloppierte schaute ich immer noch wie gebannt auf das einmalige Naturschauspiel.

Unser Ritt zog sich dahin. Es wurde heller, ja regelrecht gleißend. Und wie aus dem Nichts stießen wir plötzlich auf eine Gestalt, die der Zwillingsbruder meiner Amazone hätte sein können. Nur, daß er noch größer und kräftiger war und vor allem einen gewaltigen Zweihänder an seiner Seite trug. Außerdem hatte er an einem schwarzen Lederriemen ein Horn hängen, von dem ich annahm, daß er, wenn er da hineinblies, Tote zum Leben erwecken konnte. Ich konnte es einfach nicht fassen und vernahm nur so eben noch das Wort meiner Entführerin, das sie mir zuhauchte: »Heimdall« – was mir auch nichts sagte. Daraufhin bäumte sich das Pferd auf und wir stießen nun mit noch größerer Geschwindigkeit tief in den Himmel hinein. Meine nicht gerade sehr gesprächige Traumfrau deutete später in die Richtung der lange hinter uns liegenden Wolken und sprach wieder nur ein Wort: »Muspelheim«. Ich muß wohl nicht erwähnen, daß ich auch diesmal keinen blassen Schimmer von der Bedeutung des mir sanft zugesprochenen Wortes hatte. Aber ich war wie berauscht und aufgeregt zugleich, und doch fühlte ich mich ungemein geborgen, während ich mich an meine Führerin schmiegte. Jedenfalls war ich nicht mehr ganz bei mir, als ich sie »Walhalla« und kurz darauf »Asgard« sagen hörte. Da ritten wir bereits auf ein wahrhaft gewaltiges Bauwerk zu, das unmöglich von Menschenhand erschaffen worden sein konnte. Die Ausmaße waren dermaßen riesig, daß man weder die Höhe noch die eigentliche Länge dieses Kunstwerkes absehen konnte, zumal so weit der Blick reichte, das palastartige Gebäude im Begriff war, von aufkommendem Nebel eingenommen zu werden. Wir ritten durch eines der riesigen Tore ins Innere des Bauwerks und standen inmitten eines Art überdachten Hofes.

Sie stieg elegant von dem großen Pferd und hob mich kraft- und doch gefühlvolll herunter und forderte mich mit dem Wort »Walhall« auf, den vor uns liegenden, kaum zu überblickenden Saal zu betreten. Ich glaubte mein Herz schlagen zu hören. Mit feuchter Stirn und wild schlagendem Herzen trat ich ein. Im Saal saßen hünenhafte Männer, unzählige an der Zahl, an schweren Tischen. Männer wie Bären so stark. Männer mit Bärten. Männer in Waffen. Sie saßen zusammen und tranken und aßen und wurden bedient von vielen, ebenso hübsch aussehenden Schwestern meiner Kriegerin, nur daß diese Schönheiten über ihren weißen oder hellblauen Kleidern keinen ledernen Schurz trugen. Ihre Kleider wurden vielmehr durch ein goldenes Band zusammengehalten, wodurch ihre makellosen Figuren nur noch mehr betont wurden. Diese Grazien, die allesamt aus einer Oper Wagners entsprungen zu sein schienen, trugen wesentlich dazu bei, daß der Saal mit den rauhen Gästen trotz der vorherrschenden schwermütigen Lieder, den tiefbrüstigen Ausrufen und dem schallenden Gelächter doch etwas sehr Geborgenes ausstrahlte. Immer wieder zuckte ich förmlich zusammen, wenn die Kerle die halbgeleerten Krüge zurück auf den Tisch setzten, oder besser hämmerten. Eine Walküre, denn nur um eine solche konnte es sich hierbei handeln, führte mich eine imposante Treppe hinauf, bis wir ein Podium erreichten, auf dem viele Männer standen, die allerdings so gar nichts von den Hünen an den Tischen hatten. Sie sahen eher so aus wie ich, oder ich ähnelte eher ihnen. Ich reihte mich in ihre Schlange ein, die sich langsam, aber stetig vorwärts bewegte. Dann verließ mich meine Führerin mit den Worten: »Odin erwartet dich.«

Es kam der Zeitpunkt, an dem ich an der Reihe war und vor dem mächtigsten aller germanischen Götter stand. Er trug einen weiten Umhang und einen breitkrempigen Hut, den er sich tief ins Gesicht gezogen hatte. Vor ihm lagen zwei mächtige Wölfe. Um seine gewaltigen Schultern kreisten zwei tiefschwarze Raben, die ihm ab und zu etwas ins Ohr zu krächzen schienen. Odin blickte auf mich herab. Mein Herz raste. Er musterte mich von oben bis unten. Ich versuchte seinem Blick standzuhalten und schaute ihm in die Augen, oder besser ins Gesicht, denn da, wo sich das linke Auge hätte befinden sollen, sah ich nur ein dunkles Loch. Neben ihm auf dem Tisch stand eine ganze Batterie voluminöser Trinkhörner, von denen er mir eins mit einem Lächeln reichte. Obwohl ich mit beiden Händen fest zupackte, mußte ich mich enorm anstrengen, es wenigstens neigen zu können und dabei bloß nicht fallen zu lassen. Odin nahm unterdessen mit seiner Linken sein Trinkhorn, das sicherlich dreimal so groß war wie das meinige, stieß mit mir an, hieß mich willkommen und trank mir zu. Auch ich nahm einen Schluck. Ein etwas süßliches und doch herbes Gebräu, dessen nicht unerheblicher Alkoholgehalt wohl kaum zu unterschätzen war, rann meine durstige Kehle hinab und löste in meinem Magen ein überaus behagliches Gefühl aus. Angesichts der vielen leerstehenden Trinkhörner wollte ich nicht hintenanstehen: So setzte ich das Horn an meinen Mund und begann das Gefäß in einem Zug zu leeren. Mit größter Mühe gelang es mir. Odin nickte mir zu. Ich stellte das Horn wieder ab und machte dem nächsten in der Reihe Platz. Ich fühlte mich unglaublich gut. Neben Odin stand hoch aufgerichtet ein wahrer Riese mit rotblondem Bart und stahlblauen Augen. In seiner linken, mit einem eisernen Handschuh versehenen Hand hielt er einen Hammer umklammert, der meine kühnsten Vorstellungen von einem Vorschlaghammer bei weiten übertraf. Dieses wuchtige Schlaginstrument hob Thor an und er begrüßte mich mit einem donnernden »Heil Dir«. Er wies mir den Weg zu einem weiteren göttlichen Hünen, der nur einen Arm hatte und am Stumpf eine Eisenmanschette trug. Dieser trotz seiner Verstümmelung mich tief beeindruckende Gott war niemand anderes als Tyr. Er drückte mir ein Schwert, einen Speer und einen Schild in die Hand. So ausgerüstet betrat ich einen weiteren Raum. Von einer Walküre wurde ich an einem mächtigen Holztisch geführt, auf dem weitere Trinkhörner, bis an den Rand gefüllt mit einer trüben, goldgelblichen Flüssigkeit und Holzteller mit dunklem Brot und rotem Fleisch aufgestellt waren. Wir begannen zu essen.

Schier nach einer Ewigkeit erschallte der Ruf des Einäugigen unter den Göttern und gebot Ruhe in Walhall. Thor trat hervor und unterstrich diesen absoluten Befehl auf eindrucksvollste Weise: Er riß seine Hand mit dem Hammer empor und schleuderte das Tonnengewicht dicht über die Köpfe aller Anwesenden. Kaum fortgeschleudert, hielt dieser Gott das monströse Gerät wieder in seiner Hand. Es herrschte absolute Stille. Es trat Bragi, der Gott der Dichtung hervor, und er sang vom Beginn der Welt und der Erschaffung der ersten Menschen, Astr und Embla, wie sie von Odin, Honir und Lodur aus Baumstümpfen geformt und ihnen Seele und Sinn und Leben gegeben worden waren. Er beweinte Baldr, der in Niflheim an der Seite Hels verweilen mußte, da er nicht im Kampf gestorben, sondern durch die Heimtücke Lokis getötet worden war. Bragi erzählte vom Gang Odins zur Esche Yggdrasil, wo er, um aus der Quelle der Weisheit zu trinken, ein Auge opfern mußte. Und er berichtete von Thors Fahrt zu den Riesen, bei denen er zu der List griff, sich als Frau zu verkleiden, um seinen Hammer Hjollnir wiederzuerlangen. Bragi sprach auch von Tyr, der seinen Arm dem Fenriswolf geopfert hatte und er erzählte vom Krieg der Asen gegen die Wanen, die jetzt in Freundschaft in Asgard aufgenommen worden waren. Und schließlich besang er auch jenen letzten Kampf, für den die Walküren auch mich entführt hatten, um an der Seite der Gefährten jene Ungeheuer zu schlagen, die einmal gegen Asgard stürmen werden: der jetzt noch gefesselte Fenir, die von Thor schon fast einmal geschlagene Midgardschlange, die vor Urzeiten betrogenen Riesen und all deren irdischen Büttel.

Ich begann, mich frei und glücklich zu fühlen und nahm plötzlich gewahr, wie eine nicht abzuschätzende Anzahl Menschen auf uns zukam: Ich sah edle, anmutige Frauen und Männer, die vor Urzeiten auf Atlantis gelebt hatten, erkannte germanische Krieger, die unter Armin die Römer geschlagen hatten, sah Sachsen, die weiland in Verden hintergangen und ermordet worden waren, erblickte Normannen, die einst Amerika entdeckt und Schotten, die unter William Wallace gekämpft hatten, ich erblickte wahre Kämpfernaturen aus den Bauern- und Befreiungskriegen, aus den Märztagen und von Camerone, Sedan, Elandslaagte, Verdun und Stalingrad, sah junge Frauen, die einst als Gepeinigte der Inquisition gefoltert und verbrannt worden waren und erkannte die Opfer von Dresden, Lamsdorf und Potulitz. Ich bekam die letzten Verteidiger Berlins und unzählige Männer und Frauen mehr zu Gesicht. Und mein Platz sollte in diesem göttlichen Heer sein, das sich dereinst den Mächten des Bösen zum Letzten Gefecht stellen wird?! Mich überkam ein nie zuvor empfundenes Gefühl aus Vorfreude und Aufregung, aus Nervosität und Entschlossenheit.

Unsere Tage waren erfüllt mit Waffenübungen und Poesie und Reisen in unbekannte Welten. Wir wurden Schritt für Schritt an die Erkenntnis der Ewigen Wahrheit herangeführt. Und nachts ritten wir oft unter Führung Odins so manche verwegene Jagd. Odins Speer Gungnir verfehlte niemals sein Ziel, und wenn er auf Sleipnir voranpreschte, umflogen ihn Hugin und Munin und seine ständigen Begleiter waren Geri und Freki. Ab und zu sitzen wir beisammen und trinken Met, bis die Sonne aufgeht. Groß bin ich geworden, so daß die Walküren, deren Lager ich manchmal teile, fast zierlich gegen mich wirken. Und ich lache über Bonifatius, der einst die Donareiche fällte.

© 3/2001 Dr. Claus Nordbruch

(Vorstehende Erzählung stellt die erweiterte Fassung des gleichnamigen Beitrages von Dr. Claus Nordbruch dar, der bereits in Heft 4/97 der NORDISCHEN ZEITUNG veröffentlicht worden ist.)