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Fester als Gesetze, Verordnungen und Vorschriften haften im Volke Sitten und Gebräuche, auch wenn es manchmal Zeiten gibt, in denen die Erscheinungsformen des Brauchtums wie Sagen, Märchen, Lieder, Tänze, Trachten, Volksweisheit, Bauweise, Dorfanlage oder Hausrat durch äußere Einflüsse zurückgedrängt werden. Sitten und Gebräuche unseres Volkes, Äußerungen, die seinen Alltag und seinen Festtag begleiten, sind tiefverwurzelte Gewohnheiten, weil sie aus dem innersten Gefühl unserer Menschen kommen. Trotz vieler Versuche, sie zu beseitigen, stellen sich die Bräuche unserer Vorfahren auch heute noch in Teilen als Arbeits-, Rechts-, Lebenslauf- und Jahreslaufbrauchtum dar.

Für Menschen, die, wie wir in der Artgemeinschaft, ganz bewusst ihre eigene Art entdecken und pflegen wollen, ist das Brauchtum unserer Ahnen Ausdruck einer inneren geistig-seelischen Haltung oder mit anderen Worten: Ausdruck unserer Weltanschauung. Da jede Weltanschauung, jede innere Haltung artgemäß gebunden ist, unterliegt auch das Brauchtum den Gesetzen der Art.
Bleibt die Art rein, ist auch das Brauchtum zeitlos und ändert seine Aussage kaum. Vermischt sich die Art, ändert sich nicht nur die Erscheinungsform des Brauchtums, sondern auch seine Aussage. Entscheidend ist immer die innere Haltung, deren Ausdruck das Brauchtum ist. Und diese Haltung, etwa die Stellung des Bauern zu seinen Göttern, kann leicht Jahrtausende hindurch die gleiche bleiben, wenn sie nicht durch Fremdreligionen abgeändert wird oder so heute durch veränderte Wirtschaftsweise (Maschineneinsatz) funktionslos wird.

Damit soll aber auch darauf hingewiesen werden, daß insbesondere der bäuerliche Mensch Träger und Weitervererber des Brauchtums war. In heutiger Zeit tritt ihm gelegentlich zur Seite der naturwissenschaftlich gebildete und gleichzeitig naturverehrende Städter, dem bewusst geworden ist, daß wir verbunden sind mit den Kräften der. Natur – den Göttern unserer Ahnen – und daß wir in unseren Breiten nach wie vor der Sonne alle Fruchtbarkeit und alles Gedeihen zu verdanken haben.

In Anfängen sehen wir, daß manche Menschen unserer Art wieder erkennen, daß die Erde nicht unser Privatbesitz ist, sondern daß wir sie als Lehen der Götter und der Sonne zu treuen Händen erhalten haben. Das war unseren Ahnen noch bis zu Beginn der Neuzeit deutlich bewusst, wie Urkunden zeigen, nach denen jemand sein ,,Gut von den Allmächtigen und der Sonnen“ zu Lehen erhalten hat. Auf diese Sonnenbezogenheit des Gutes weist bis heute noch die Odalsrune hin, die aus der Doppelsonne entstanden ist.

Der Gedanke der Freude über die glückliche Einbringung der Ernte und der Dank an die Götter liegen dem Brauchtum des Erntedankfestes zugrunde. Dem germanischen Bauern steht es nicht an, seinen Dank in langen Litaneien zu zeigen. Sein Handeln und sein Brauchtum sind Ausdruck seines Innenlebens und seiner Dankbarkeit.

In dem vorliegenden Heft hat unsere Gefährtin Edda Schmidt eine Fülle von wissenswerten Dingen, Gedichten, Liedern und Gedanken zusammengetragen, die sich um den ,,Erntedank“ ranken.

Ich meine, daß gerade heute eine merkwürdige Zwiespältigkeit in unserem Volke zu sehen ist. Einerseits gibt es die große Menge jener, die alles ablehnen, ,,was früher war“, andererseits darf man nicht jene erstaunlichen Versuche übersehen, insbesondere auf dem Lande, wieder zur Verbindung mit unserer Vergangenheit zu gelangen. Häufig drückt sich dies im Wiedereinführen und Neubeleben alter Bräuche aus. Hier kann das vorliegende Heft sehr gut aus seiner Vielfalt heraus Hinweise geben, an vergessene Dinge erinnern und -Anregung zur Neugestaltung geben. Die Beschreibung der Vergangenheit kann nicht Selbstzweck sein, die Gestaltung der Zukunft, aus dem Geist unserer Ahnen, ist das Hauptanliegen.

Ich beglückwünsche die Verfasserin zu ihrer gelungenen Arbeit und wünsche dem Heft weite Verbreitung, nicht nur bei den ihrem Volke treu gebliebenen Kreisen, sondern auch bei jenen, die erst noch die Erkenntnis gewinnen müssen, daß man sich nicht folgenlos von seiner Menschenart und von der Natur überhaupt lösen kann.

Dr. W. Hopfner 

Beispiele für die Gestaltung einer Erntedankfeier

A
  1. Gemeinsames Lied:“ Bunt sind schon die Wälder“
  2. Einzug mit der Erntekrone und Paaren mit Körbchen oder Holztellern mit Erntegaben (einheimisches Obst und Gemüse, Brot). Dazu wird gesungen ,,Mit lautem Jubel bringen wir . ..“ oder „Wir bringen mit Gesang und Tanz“
  3. Überreichung der Erntekrone (Erntekranz) an den Veranstalter, Hausherrn, Ehrengast o.ä. würdige Person
  4. Niederlegen der Erntegaben auf den dafür vorbereiteten Erntetisch, auf den auch die Erntekrone abgestellt wurde
  5. Rede, ggf. eingeschoben Gedichte
  6. Schlußlied: ,,Wir gehen als Pflüger durch unsere Zeit“ oder ,,Erde schafft das Neue“

B
Feier unter Einbeziehung von Kindern:
  1. Kleines Flötenstück (beschwingtes Menuett o.ä.)
  2. Die Kinder legen ihre Erntegaben auf dem Erntedanktisch nieder, dazu sagt jedes einen kleinen Spruch, die Kleinsten singen ggf. ,,Spannenlanger Hansl“
  3. Spiel ,,Der Früchtereigen“ von Karl Haug oder,,Das Korn“
  4. Gemeinsames Lied ,,Bunt sind schon die Wälder“

C
  1. Lied ,,Lob des Bauern“ (,,Ihr Herren schweigt ein wenig still“)
  2. Rede
  3. Verschiedene Sprüche / Gedichte, vorgetragen von den Teilnehmern der Feier
  4. Gemeinsames Lied ,,Bunt sind schon die Wälder“ als Überleitung zu offenem Singen. Bei dieser Feier ist der Erntedanktisch vor Beginn der Feier fertig aufgebaut

Soll auf die Erntedankfeier ein offenes Volkstanzen folgen, eignet sich als Übergang besonders gut der Bändertanz.


Tischsprüche

Laß uns das Mahl verzehren,
Des Bauern Arbeit ehren,
Des Landes Reichtum mehren,
dem Unheil tapfer wehren.

Erde, die uns dies gebracht –
Sonne, die es reif gemacht –
liebe Sonne, liebe Erde,
euer nie vergessen werde !

 

 

Wir alle, durch Blut und Boden verwandt,
wir pflügen alle dasselbe Land.
Wir essen alle dasselbe Brot,
wir tragen alle dieselbe Not.

 

Wir fassen die Hände und schließen den Kreis
Brot sei uns heilig und heilig die Speis’.

 

Der Bauer pflügte und eggte das Land,
die Saat ließ er rieseln aus seiner Hand,
ein Gott schickte Sonne und Regen
und uns allen gedieh es zum Segen.

 

Der Segen der Erde zum Brot uns werde,
wenn unsere Kraft die Arbeit schafft.

 

Wir wollen danken für unser Brot,
wir wollen helfen in aller Not,
wir wollen schaffen, die Pflicht macht hart,
wir wollen leben nach deutscher Art.

 

Dies ist das Brot, um das wir dienen,
dies ist das Brot, das uns erhält.
Es treibt die Räder, die Maschinen,
in ihm wächst Gott in unsre Welt.

 

Viele Jahre säen wir
unser Korn in deutsche Erde,
einmal aber mähen wir
Halm für Halm, daß Brot uns werde !

 

Gesegnet Korn und Keim !
Ein Volk, das schafft und glaubt,
bringt auch die Ernte heim !

 

Einer ist Herr der Scholle:
der ihr Diener ist,
der von Tag zu Tag dies nicht vergisst,
daß sie älter noch als jedes alte Geschlecht.
Herr des Ackers hieß immer:
der Erde Knecht.

 

Alle Tische stehen leer,
schafft die Bauernfaust nichts her.

 

Wollt ihr fröhlich essen,
dürft ihr nicht vergessen,
wieviel Sonne, Regen, Wind
vorerst not gewesen sind,
bis euch diese Gaben
nun erlaben.
Dankt drum Sonne, Wind und Regen
für den Segen !

…fortgesetzt…

Diese Schrift kann beim Buchdienst der Artgemeinschaft bestellt  werden!