Geschrieben von: Written by Hellmuth Hingkeldey
Die Fasnacht ist eine Jahreslauffeier, ein Fest des Vorfrühlings. Die Bräuche weisen auf alte kultische Inhalte hin, die in der engen Verbundenheit des Menschen der Frühzeit mit der ihn umgebenden, erhaltenden, aber auch vernichtenden Natur ihren Ursprung haben.

 

Fasnacht feiert jedes Haus,Drum bitten wir uns Ferien aus -Die Raben sind gekommenUnd haben unsre Bücher fortgenommen.

(Schülerspruch aus Ostpreussen)

Die Fasnacht ist eine Jahreslauffeier, ein Fest des Vorfrühlings. Die Bräuche weisen auf alte kultische Inhalte hin, die in der engen Verbundenheit des Menschen der Frühzeit mit der ihn umgebenden, erhaltenden, aber auch vernichtenden Natur ihren Ursprung haben. Deshalb sehen wir die vielfältig abgewandelten Sinnbilder für die Sonne, das Jahr, den Winter und den Sommer, für das Wachstum und die Fruchtbarkeit. Auch das Wort „Fosenacht“ (fränkisch) oder „Faset“ (schwäbisch) hat mit Fasten nichts gemein. Fasnacht kommt von „vaselen“ und bedeutet so viel wie „fruchtbar sein“ und „gedeihen“. Wir kennen das Wort in Faselvieh, d.h. Zuchtvieh, oder Faselhengst, d.h. Zuchthengst. Auch Wolfram von Eschenbach schreibt (um 1200) in seinem Parsifal von der „vasnacht“. „Fasnacht“ bedeutet also die Zeit, in der sich die Natur aus dem Wintertod befreit und sich zu neuem Gedeihen und zu neuer Ernte bereitet. Feuer, Rad und Wagen, Pflug und Schiff, Bär und Narr, das sind die eigentlichen Elemente der „Fasnacht“ – der Faselzeit, in der sich die Natur zu neuem Leben rüstet. Erneuern soll sich aber nicht nur alles Leben draussen – auch der Mensch und jegliche menschliche Gemeinschaft will sich „verneuern“. Dazu muss Altes, Verbrauchtes, Abgestorbenes und Verkehrtes „über Bord“ geworfen werden und in läuterndem Feuer verbrannt werden. Als solch ein läuterndes Feuer der Befreiung wirken nun auch fröhliches Spiel und Mummenschanz. Zur Faselzeit wird viel gelacht, „Narrengerichte“ tagen, der Narr ist „König“, und mancherlei Unarten und absonderliche Eigenbrödeleien müssen es sich gefallen lassen, mit Spott und Rüge bedacht zu werden. In Bildern, Versen und Liedern kann man so Persönliches und Politisches aus Familie und Gemeinde auf die „Drehscheibe“ gestellt sehen: Wettstreite mancherlei Art in Singen und Tanzen, Dichten und Malen geisseln in fröhlichem Ernst Missstände und Irrtümer, und das alles in der Absicht, einem neuen, schöneren Werden den Weg zu bereiten !

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Die Faselnachtsbräuche sind herzuleiten aus dem sich jährlich erneuernden Leben, dem zunehmenden Licht, dem Drängen und Steigen der Säfte und Kräfte, dem frischen Lebenswillen, der überall in pflanzlichen und animalischen Wesen sich regt. Wo solches Treiben und Wollen naturbedingt ist, da findet es Formen, sich auszuleben und aller Alltäglichkeit zum Trotz sich zur Geltung zu bringen.

Und was könnte wohl unmittelbarer unseren Festen Sinn und Gestalt geben, als das vielgestaltige Leben selber? Freilich – auch das „Fasten“ hat seinen ursprünglichen Sinn: sein sprachlicher Ursprung ist in allen indogermanischen Sprachen gemeinsam und bedeutet „fest-sein“, Zucht üben, sich beherrschen. Und so wird die wirkliche Wahrheit deutlich, dass Leben nicht nur eines oder nur ein anderes ist, sondern immer und überall beides sein muss: Spiel und Ernst, Sich-Ver- schwenden -und doch Zucht-Üben-Können, Freiheit und Verantwortung also – in allem aber Fröhlichkeit !