Seit einigen Jahrzehnten sind in der katholischen Kirche (ohne Erfolg) Stimmen laut geworden, die den Zölibat abschaffen wollen, und zur Imagepflege erscheinen in Illustrierten immer einmal wieder Berichte, wie gut es Managern oder Prominenten geht, wenn sie in der Stille eines Klosters einige Zeit abschalten und sich „auf das Wesentliche“ besinnen.

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Mönch in Avonarola

Verschwiegen wird dabei: Mönchtum und Zölibat sind wesentliche Bestandteile des romkirchlichen Weltbildes, Einrichtungen der römischen Weltkirche, die für die Weltbeherrschungsansprüche des römischen Papsttums und damit für den politischen Katholizismus von grundlegender Bedeutung sind.

Das Mönchtum als allgemeine religionsgeschichtliche Erscheinung ist älter als das Christentum und hat ein Weltbild zur Voraussetzung, das an der Welt und am Leibe leidet, so daß in der Verneinung oder Überwindung der Welt und des Leibes ein Höchstziel mönchischen Strebens gesehen wird.

Viel erörtert und bis heute noch nicht allseitig geklärt ist die Frage, wie es innerhalb des Christentums zur Bildung des Mönchtums gekommen ist. Das ursprüngliche Christentum wußte nichts von einem eigentlichen Mönchtum. Wohl gab es im werdenden Christentum ein zutiefst in der christlichen Vorstellungswelt begründetes asketisches Lebensideal. Im Lichte des Pauluswortes: „Alles erachte ich als Kot, um Christi zu sein!“, im Lichte des Glaubens an den baldigen Zusammenbruch der Welt und an das Kommen des Gottesreiches legte sich naturnotwendig der Wertakzent des Lebens vom Diesseits auf das Jenseits und erzeugte eine weitergehende Weltindifferenz, die im weiteren Verlauf der Entwicklung unter dem Einfluß der einströmenden Gedanken des Hellenismus in die christliche Vorstellungswelt nur allzu leicht in offene Weltfeindschaft und Weltverachtung umschlug. Es war jedenfalls im Sinne dieser christlichen Weltindifferenz folgerichtig, wenn die Hingabe des Besitzes und der Verzicht auf das eheliche Leben, wie sie die Asketen und Jungfrauen in den jungen Christengemeinden übten, als Ausdruck echt christlicher Lebenshaltung betrachtet wurden. Bereits der Verfasser der „Offenbarung Johannes“ preist jene Seelen, „die mit Weibern sich nicht befleckt haben“, und denen deshalb ein ganz besonderer Lohn in Aussicht gestellt ist.

Als jedoch die Voraussetzung dieser christlichen Weltindifferenz – nämlich der Glaube an den baldigen Anbruch des Gottesreiches – sich nicht verwirklichte, und als infolgedessen die urchristliche religiöse Begeisterung in das geordnete Bett einer kirchlichen Organisation gelenkt wurde, und als schließlich die kirchliche Organisation die Form der Weltkirche annahm, die den Anspruch erhob, für alle Ordnungen der Welt die Wertmaßstäbe zu bestimmen, da war aus der urchristlichen Weltindifferenz ein kirchlicher Weltherrschaftsanspruch geworden. Die religiöse Lehre des armen Wanderpredigers von Nazareth von einem Reich, das nicht von dieser Welt sei, wird nunmehr zu einem das staatliche, kulturelle und soziale Leben der Welt bestimmenden politischen Machtfaktor. Inwieweit diese Entwicklung der Dinge von anderweitigen zeitgeschichtlichen Gegebenheiten gefördert wurde, ist eine Frage für sich, die an dieser Stelle nicht zur Erörterung steht. In der romkirchlichen Apologetik pflegt man diesen Tatbestand mit den Worten auszudrücken: „Das Kreuz hat gesiegt!“, vergißt aber hinzuzufügen, daß dieser Sieg des Kreuzes über die Welt eine Gleisverschiebung der christlichen Vorstellungswelt aus der Ebene des Religiösen auf die Ebene des Politischen bedeutet und daß infolgedessen – genau betrachtet – die apologetisch oft so stark in den Vordergrund geschobenen „kulturellen Segnungen“ der Kirche mit dem ursprünglich religiösen Kern des Christentums im Sinn und Geist der Bergpredigt nichts zu tun haben. Es ist darum nicht von ungefähr, daß die Entstehung des Mönchtums mit der Entstehung der Weltkirche zusammenfällt. Das Mönchtum ist nämlich bei seinem Entstehen eine Art religiöser Protestbewegung gegen den „politischen Katholizismus“ der Weltkirche, d. h. als das Kreuz gesiegt und die Welt aufgehört hatte, „heidnisch“ zu sein, schuf das religiös ergriffene Christentum sich das Mönchtum. Sinn und Zweck des entstehenden Mönchtums war demnach kein anderer als die kompromißlose Verwirklichung des christlichen Lebensideals, und weil dieses christliche Lebensideal von Haus aus jenseits gerichtet war, hat das Mönchtum nicht nur kein Interesse an der Welt, sondern sah vielmehr in der Welt das zu überwindende große Hindernis auf dem Weg zum Jenseits. Der Leib, die Welt ist infolgedessen für den Mönch etwas, was überwunden werden muß, denn nach Johannes Climacus ist das Mönchtum „Ordnung und Stand der Körperlosen in einem materiellen und befleckten Leib“. Aus dieser Sicht ergab sich für das Mönchtum eine Lebensstimmung der Angst und Unruhe. Überall sieht sich der Mönch vom Teufel und von der Sünde umlauert, in der eigenen Brust, im Mitmenschen, in der Frau, im Tier, in Naturereignissen. Mönchisches Leben wird deshalb zu einem ununterbrochenen Kampf gegen den Teufel, der „da umgeht wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen kann“. Je mehr der Mönch gegen seinen eigenen Körper wütet und die Welt verachtet, desto empfindlichere Schlappen glaubt er dem Teufel zugefügt zu haben, desto mehr fühlt er sich in Gott geborgen. Immer neue Mittel werden deshalb ersonnen, um den Körper zu kasteien. Da gab es solche, die nie die Kleider wechselten, sich nie wuschen; andere stellten sich bei glühender Sonnenhitze mit entblößtem Oberkörper in den Sumpf, um sich von den Mücken stechen zu lassen; wieder andere wälzten sich bei nacktem Leibe in den Dornen, verwundeten ihren Körper mit glühendem Eisen; abermals andere gönnten sich keinen Schlaf mehr, schämten sich überhaupt, noch essen zu müssen; wieder andere ließen sich einmauern, schlugen ihre Behausung in Grabhöhlen auf, verbrachten ihre Lebenszeit stehend auf einer Säule, und so könnte man noch lange fortfahren in der Aufzählung von Übungen und asketischen Formen, die bis zur Geschmacklosigkeit von Mönchen zur Abtötung ihres Körpers erfunden wurden. Doch alle diese Dinge sind in der Wesensbeurteilung des Mönchtums nicht entscheidend. Entscheidend vielmehr für die Wesensbedeutung des Mönchtums ist der Tatbestand, daß der Mönch als „Geistträger“ sich fühlte, und daß infolgedessen durch das Mönchtum im Namen des echten Christentums ein mit ungeheurer religiöser Energie geladenes Weltbild entstand, dem der eigene Leib und die Dinge der sichtbaren Welt zum quälenden Problem geworden waren, ein Weltbild, das in Natur und Sinnenwelt immer nur einen Tummelplatz des Teufels und der Mächte der Finsternis erblickte, ein Weltbild, das im Ablauf der europäischen Geschichte zu einer geradezu unheimlichen Wirksamkeit gelangt ist.

In geschichtliche Erscheinung tritt das Mönchtum zuerst in der Form des Eremitentums auf dem Boden der orientalischen Kultur. Den Kampf gegen den Teufel und die sündige Natur führt in der eremitischen Gestalt des Mönchtums der einzelne nach seinem persönlichen Gutdünken. Erst in einem weiteren Entwicklungsstadium des mönchischen Gedankens entsteht das Coenobitentum, d. h. das mönchische Gemeinschaftsleben unter der Leitung eines Vorgesetzten. Zu den seitherigen Lebensidealen des Mönchtums, nämlich des Verzichtes auf die irdischen Güter und des Verzichtes auf die Ehe, kommt nunmehr als neues Element der Verzicht auf den eigenen Willen um des Gehorsams gegen den Oberen. Dieser mönchische Gehorsam, vielleicht aus orientalischen Despotismus-Vorstellungen seinen Ursprung herleitend, nahm in der Geschichte des Mönchtums bisweilen die unglaublichsten Formen an, so z. B., wenn bei Cassian berichtet wird, daß ein Mönch auf Befehl seines Vorgesetzten seinen eigenen Sohn in den Fluß warf. Allein diese Verirrungen und Verstiegenheiten der mönchischen Gehorsamsidee, mit denen man eine Chronique scandaleuse füllen könnte, bezeichnen nicht das Wesen des mönchischen Gehorsam. Das Entscheidende liegt vielmehr darin, daß durch den mönchischen Gehorsam, der ja nicht nur eine Unterwerfung unter den fremden Willen, sondern auch eine Ausmerzung des eigenen Wollens bedeutet, ein Mittel von gar nicht ausdenkbarer Wirkungskraft geschaffen wurde zur charakterlichen Verbiegung. Nicht zuletzt durch diese Einrichtung des mönchischen Gehorsams ist das Mönchtum überhaupt zu einer geschichtlichen Wirksamkeit gekommen. Aus dem mönchischen Gemeinschaftsleben, dem Coenobitentum, erwuchs allmählich der mönchische Lebensstil, vor allem die schriftliche Fixierung der Gemeinschaftsordnung, die Mönchregel. Als Urheber des coenobitischen Mönchtums gilt Pachomius. Weiter ausgestaltet wurde das mönchische Gemeinschaftsleben durch Basilius, einen Griechen, der auf die derben Formen des orientalischen Mönchtums nach Möglichkeit das griechische Maßhalten zur Anwendung brachte, und der auch der erste war, welcher dem Mönch Buch und Feder als Arbeitsgerät in die Hand drückte.
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Das Mönchtum, das im Orient entstand und deutlich die Spuren orientalischer Maßlosigkeit an der Stirn trägt, fand bald auch seinen Weg nach dem Abendlande, und zwar sowohl als Eremiten- wie als Coenobitenmönchtum. Als der erfolgreichste Propagandist des morgenländischen Mönchtums im abendländischen Raum gilt Athanasius (gest. 373) durch seine vita St. Antonii. Weiterhin gehören zu den Förderern des Mönchtums im Abendland die Kirchenlehrer Hieronymus, Augustinus, Ambrosius, um nur einige Namen zu nennen. Das abendländische Mönchtum betonte den Protest gegen die herrschende Kultur – es war die Kultur der untergehenden Antike – und gegen die auf den Trümmern dieser sinkenden Kultur sich häuslich einrichtenden „Weltkirche“ durch eine massive und radikale Askese noch stärker als das morgenländische Mönchtum. Die bedeutungsvollsten Erscheinungen dieses frühabendländischen Mönchtums sind Martin von Tours und Johannes Cassian, der Gründer mönchischer Siedlungen in Marseille.

Der Mann, der das Mönchtum im abendländischen Raum in neue Bahnen lenkte, war Benedikt von Nursia (gest. um 547), „der Abt des Abendlandes“, wie ihn Luigi Salvatorelli in seiner Benediktusbiographie nennt. Er gründete eine Mönchsiedlung bei Monte Cassino und schrieb eine Mönchregel, die auf Jahrhunderte hinaus die maßgebende Richtschnur und Grundlage des Mönchtums in Europa wurde. Die große Bedeutung dieser benediktinischen Regel liegt darin, daß in ihr die Idee des Mönchtums zu einer Form religiösen Gemeinschaftslebens gestaltet wurde, die fern von orientalischer Verstiegenheit und fern von engherziger Uniformierung nichts anderes sein wollte als „eine Schule des göttlichen Dienstes“, gegründet auf den beiden Fundamenten des Gebetes und der Arbeit unter der Führung des an der Spitze der Gemeinschaft stehenden Abtes. Die religiösen Kräfte, welche im orientalischen Mönchtum in peinigenden Selbstqualen sich verbrauchten, wurden im benediktinischen Mönchtum nutzbringender Kulturarbeit zugeführt. Der Grundsatz der Benediktinerregel: „Müßiggang ist der Feind der Seele“, hat das benediktinische Mönchtum Leistungen vollbringen lassen, die von keiner ehrlichen Geschichtsschreibung übersehen werden können. Freilich kann auch von keiner ehrlichen Geschichtsschreibung übersehen werden, daß das benediktinische Mönchtum die Plattform geworden ist, vermittels derer es dem römischen Papsttum gelungen ist, mit seinen Weltherrschaftsansprüchen im europäischen Raum Fuß fassen zu können.

Die Weltkirche als Sakramentsanstalt zur Vermittlung des ewigen Heils, das römische Papsttum als Exponent einer hierarchischen Weltpolitik nahmen die religiösen Energien des Mönchtums in ihre Dienste, und dadurch entstand jenes System der Romkirche, das in „Stellvertretung Gottes“ politische Weltbejahung und asketische Weltverneinung zugleich umschloß, eine complexio oppositorum, die für den europäischen Geschichtsverlauf von schicksalhafter Bedeutung geworden ist. Die Vertreter des weltabgewandten Mönchtums wurden die eigentlichen Verkünder der päpstlichen Weltherrschaft. Mit dem benediktinischen Mönchtum hat diese Verbindung von Mönchtum und Papsttum im europäischen Raum ihren Anfang genommen, mit dem jesuitischen Mönchtum und dem Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit ist sie zum Abschluß gelangt. Die zwischen diesen beiden Polen der Entwicklung liegenden Ausprägungen der mönchischen Idee im europäischen Raum sind grundverschieden in ihrem Charakter und in ihrer Wirkungsart. Die Benediktiner, welche Wildnisse rodeten und sich in das Studium der altchristlichen und antiken Literatur vertieften, hatten wenig gemeinsam mit den Franziskanern, welche das wissenschaftliche Studium als unnützes Spiel der Eitelkeit betrachteten und mit dem Bettelsack auf dem Rücken als selige Habenichtse durch die Lande zogen, oder mit den Dominikanern, die dem Volk das „Reich Gottes“ verkündeten, zum blutigen Verfolgungskampf gegen die Ketzer aufriefen und die „heiligen Flammen der Inquisition“ schürten. Und trotz aller Verschiedenheit, es war das gleiche hierarchische Endziel: die Ausbreitung und Verwirklichung des römischen Gottesstaates auf Erden. Nur die Wege und Mittel zu diesem Ziel waren den jeweiligen Zeitverhältnissen angepaßt. Benediktinermönche, welche Wälder rodeten, Felder bestellten, Kunst und Wissenschaft pflegten, Unterricht und Erziehung betrieben, waren die Träger der romkirchlichen Germanenmission. Die Tätigkeit des Bonifatius, eines angelsächsischen Benediktinermönches in Deutschland, ist der Grundstein geworden zum „Ultramontanismus“, war gleichsam der Beginn der „katholischen Aktion“ im deutschen Raum. Benediktinermönche waren die Berater der Karolinger. Als das Papsttum im 11. Jahrhundert sich reich und mächtig genug fühlte, aus der bisherigen Abhängigkeit vom Staate sich zu lösen, und der „Stellvertreter Gottes“, Gregor VII., dazu übergehen konnte, sozusagen einen Gottesstaat in Reinkultur aufzubauen und damit den Kampf gegen die Priesterehe, die Simonie und die Laieninvestitur zur wichtigsten Angelegenheit des christlichen Glaubens zu machen, war das in den Clunyazensern reformierte Benediktinermönchtum der eifrigste Verfechter der hierarchischen Politik Gregors VII. Ja, man kann sagen, ohne die Tätigkeit der Mönche von Cluny wäre ein Gregor VII. mit seinen Weltherrschaftsplänen von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen. Die mönchisch-asketische Linie der im Jahre 910 gestifteten Clunyazenser, die das alte Benediktinertum an Strenge der Lebensführung zu überbieten suchten, wurde fortgesetzt von den im Jahre 1084 gegründeten Karthäusern. Diese wiederum fanden ihre Fortsetzung in den Zisterziensern des Bernhard von Clairvaux, welche ihrerseits wieder von den im Jahre 1114 gestifteten Prämonstratensern an mönchischer Zucht übertroffen wurden.

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Als rund 200 Jahre nach Gregor VII. das Papsttum unter Innozenz III. auf der Höhe seiner politischen Macht stand und der „Stellvertreter Gottes“ über Kaiser und Könige gebot, andererseits aber der Reichtum und die sittliche Verwilderung des Klerus in einem täglich unerträglicher werdenden Gegensatz zum Evangelium stand, bildeten sich in den Katharern und Waldensern antikirchliche und antipäpstliche Strömungen, welche eine ernste Bedrohung der romkirchlichen Macht bedeuteten, um so mehr als hinter diesen Bewegungen ungeheure religiöse Kräfte zum Durchbruch kamen. Das Werkzeug, vermittels dessen Rom der gegen seine Vormachtstellung gerichteten Strömung Herr wurde, war das Bettelmönchtum der Dominikaner und Franziskaner. Die Dominikaner (domini canes = Hunde des Herrn, wie sie sich selbst bezeichneten), gegründet von einem Spanier, waren die Henkersknechte der „heiligen Inquisition“ und führten mit Predigten und Inquisitionsfoltern das Volk zur römischen Rechtgläubigkeit zurück, während das auf Franz von Assissi zurückgehende franziskanische Mönchtum das Ideal der evangelischen Armut zu verwirklichen suchte. Es ist für das neue Bettelmönchtum bezeichnend, daß es seine Behausungen nicht mehr wie die alten Orden in der Einsamkeit aufschlägt, sondern in den Mittelpunkten menschlichen Verkehrs, in den Städten. Nicht nur der durch das Armutsgelübde vorgeschriebene Bettel trieb die Bettelmönche in die Städte, sondern sie wurden noch mehr dazu veranlaßt durch ihre ureigenste Sendung, Agitatoren Roms bei den breiten Volksmassen zu sein. Es ist kein Zweifel, daß die Tätigkeit der Franziskanermönche entscheidend dazu beigetragen hat, die zwischen römischer Machtkirche und christlicher Volksfrömmigkeit bestehende Spannung zugunsten Roms auszugleichen und die drohende Entladung dieser Spannung, die mit der Reformation Luthers erfolgte, noch einmal auf einige Jahrhunderte hinauszuschieben, bis sie in der Reformation Luthers endgültig erfolgte. Eine besondere Eigenart des Bettelmönchtums sind die sogenannten 2. und 3. Orden. Der „2. Orden“ ist das weibliche Gegenstück zur männlichen Ordensgründung, während der „3. Orden“ Weltleute umfaßt, die – soweit es ihr Berufs- und Familienleben erlaubt – die Ordensideale zu verwirklichen trachten. Gerade durch den 3. Orden, die sogenannten Tertiarier, hat das Bettelmönchtum großen Einfluß auf das Volksleben genommen. Die neuen Formen des Mönchtums – die Kongregationen – haben fast durchweg aus Gemeinschaftsbildungen von Tertiariern ihren Anfang genommen. Die „Franziskanerbrüder von Waldbreitbach“ sind aus dem „3. Orden des hl. Franziskus“ hervorgegangen.

Bettelmönche waren es auch, die das mittelalterliche Weltbild in das philosophische System der Scholastik brachten. Indessen beschränkte sich das Bettelmönchtum nicht nur auf friedliche Belehrung und Bekehrung des Volkes; es nahm auch an der gewaltsamen Ausrottung der christlichen Häresie erheblichen Anteil. Der Zisterzienserabt Arnauld hatte die Leitung des Krieges gegen die Albigenser in Südfrankreich. In einem Brief dieses Gottesmannes an Innozenz III. über die im Jahre 1209 erfolgte Eroberung der Stadt Berziers heißt es: „Keinen Stand, kein Geschlecht haben die unseren geschont, bei 20000 Menschen haben wir mit der Schärfe unseres Schwertes getötet. Ein ungeheures Gemetzel wurde unter den Feinden angerichtet, die ganze Stadt ausgeplündert und verbrannt. Wunderbar hat Gottes Strafgericht gegen Ketzer gewütet.“ Im gleichen Blutrausch religiösen Welthasses erzählt der Mönch Peter von Vaux-Cernay, wie die Soldaten des Kreuzzugheeres nach Eroberung der Stadt La Vaux (1211) „unschuldige Ketzer mit ungemeiner Freude“ verbrannt hätten. Dominikanermönche durchzogen Anfang des 13. Jahrhunderts die norddeutschen Lande und predigten „um Christi willen“ den Vernichtungsfeldzug gegen die Stedinger Bauern, die mit derselben Gründlichkeit wie die Albigenser vertilgt wurden.
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Die Stedinger

Man kann nicht sagen, diese vom Bettelmönchtum gepredigte Verfolgungswut gegen Ketzer und Ungläubige, gegen jede Regung einer freien Denkweise sei nur eine Ausartung kirchlicher Lehre. Nein, das ist der folgerichtige Ausdruck eines Geistes, der alle außerhalb der römischen Kirche bestehenden Mächte als Sünde und Welt verneint. Der immer wieder aufs neue in den mönchischen Neubildungen aufflammende asketische Eifer, der sich bis zum leidenschaftlichen Haß gegen alle natürlichen Empfindungen steigern konnte, erweist – geschichtlich betrachtet – das Mönchtum als eine der römischen Hierarchie dienstbare Weltverneinung. Auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung befand sich das asketisch-hierarchische System der Weltkirche, als Schwert und Scheiterhaufen als die geeignetsten Bekehrungsmittel galten und die in einigen Aussprüchen vorhandene Menschenliebe des christlichen Religionsstifters sich in eine Furie des Hasses und der Tyrannei verwandelte, als ein abscheuerregendes Zerrbild religiöser Inbrunst. Man begreift, wenn Luther seinen ehrlichen deutschen Zorn „wider alle Möncherei“ richtete. Mehr noch als den sittlichen Entartungserscheinungen des Mönchtums galt sein Zorn einem religiösen Weltbild, gegen das seine deutsche Art im Innersten sich aufbäumte.
Die Reformation bedeutete für das Mönchtum wie für das Papsttum eine große Niederlage, bedeutete aber auch zugleich den Anlaß zu einer ernsten Selbstbesinnung. Die Zeiten mittelalterlicher Papst- und Mönchherrlichkeit waren vorüber, aber nicht vorüber war der alte Anspruch des Papsttums, als „Stellvertreter Gottes“ die erste Macht der Welt zu sein. Und wie einst in vergangenen Jahrhunderten der „Stellvertreter Gottes“ im Mönchtum seine ausführenden Organe hatte, so war es in der nachreformatorischen Kirche abermals eine mönchische Gemeinschaftsform, die sich in noch stärkerem Maße, als je zuvor es ein Mönchorden getan, in den Dienst der päpstlichen Hierarchie stellte. Es ist das der von Ignatius von Loyola gegründete Jesuitenorden, der neben den üblichen Mönchsgelübden ausdrücklich das Gelübde der unbedingten Ergebenheit gegen den Papst ablegte. Rom wußte nach den Erfahrungen der Reformation, daß mit den bisherigen Mitteln das „System“ nicht mehr zu halten war. Die Inquisition war in verschiedenen Ländern vernichtet, es galt deshalb, nach neuen Bundesgenossen sich umzusehen, die nur ein Haupt und einen Willen anerkannten. Was straffste einheitliche Durchführung bedeutet, das hatte die Inquisitionstätigkeit den Dominikanern bewiesen. Sollte in der Romkirche der päpstliche Wille als der allein maßgebende zur Anerkennung gebracht werden, so brauchte man eine militärisch organisierte Schar, bereit, auf den Wink eines einzigen sich restlos einzusetzen. Dieses Ziel konnte nur verwirklicht werden durch eine Organisation, deren Glieder den Willen dieses einzigen als Gottes Gebot und unter Vermeidung „schwerer Sünde“ auszuführen als höchste Pflicht ansehen und denen zugleich durch ein genau ausgeklügeltes Überwachungssystem die Möglichkeit des Abweichens genommen ist. Diese Aufgabe hat der Jesuitenorden in einzigartiger Weise gelöst. Er hat kein Ordenskleid, kein Chorgebet, kein strenges Fasten. Alles konzentriert sich im Gehorsam. Unbedingter Gehorsam des Ordens und jedes einzelnen gegen den General, des Generals des Ordens gegen den Papst ist das oberste Gesetz der Gesellschaft Jesu. Der Obere, von dem er wie ein Leichnam gelenkt werden kann, ist ihm der unmittelbare Wille Gottes.
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Der Jesuitenorden ist der Träger der Gegenreformation, d. h. die treibende Kraft in dem Bemühen, die durch die Reformation verlorene Stellung der Romkirche mit allen nur denkbaren Mitteln zurückzuerobern. Der Jesuitenorden gibt der kirchlichen Wissenschaft eine einheitliche Ausrichtung, er schafft eine Moral, die an die Stelle einer gradlinigen Gesinnungsmoral eine an den jüdischen Talmud erinnernde Kasuistik setzt. Er nimmt sich der Erziehung und des Unterrichtes, namentlich des Unterrichtes an den höheren Schulen, sowie der Erziehung des Adels an, er hält dem Volk Exerzitien und Volksmissionen, er weiß über den Umweg als Beichtvater und geistlicher Berater die Politik der „Mächtigen dieser Erde“ im kirchlich-päpstlichen Sinn zu beeinflussen. Er gewann in der Kirche so großen Einfluß, daß er mit konkurrierenden Machtansprüchen dort zusammenstieß, so daß Papst Clemens XIV. im Jahre 1773 den Orden „wegen seiner vielfachen Störungen des Friedens in der Kirche“ aufhob. Pius VII. führte nach den Stürmen der französischen Revolution den Jesuitenorden (1814) in seiner alten unveränderten Verfassung wieder ein, zum nicht geringen Staunen der geistigen Führer des damaligen Katholizismus. Görres machte im „Rheinischen Merkur“ (1814, Nr. 133) auf die unheilvolle Wirkung aufmerksam, welche die Zurückberufung der mit Recht verbannt Gewesenen nach sich ziehen werde. Trotz aller Widersprüche innerhalb und außerhalb der Romkirche ist die jesuitische Linie siegreich geblieben und feierte ihren größten Triumph in der päpstlichen Unfehlbarkeitserklärung auf dem Vatikanischen Konzil im Jahre 1870 n. übl. Ztr.
In der Gesamtschau über das Mönchtum in der Romkirche kann man geschichtlich vier große Linien unterscheiden, nämlich:

Das orientalische Mönchtum in seiner doppelten Form als Einsiedlertum und als mönchisches Gemeinschaftsleben entsteht aus einer Protestbewegung gegen die Weltkirche und erschöpft sich in selbstpeinigender Askese.

Das benediktinische Mönchtum mit all seinen Verzweigungen war ursprünglich eine rein religiöse Gemeinschaftsform und wird im weiteren Verlauf von der hierarchischen Weltkirche in den Dienst genommen; es ist der Träger der romkirchlichen Germanenmission. Heute betätigt sich der Benediktinerorden in wissenschaftlicher Forschung, Unterricht, Erziehung und Seelsorge.

Das Bettelmönchtum ist bereits eine Zweckorganisation der hierarchischen Weltkirche, jederzeit einsatzbereit, wo es gilt, hierarchische Interessen zu vertreten. Heute ist Seelsorge und teilweise wissenschaftliche Forschung das Betätigungsfeld der Bettelorden.

Der Jesuitenorden ist der Kampforden der Gegenreformation.

Neben den alten Orden, den Benediktiner- und Bettelorden, sowie den Jesuiten gibt es in der Romkirche noch eine schier unübersehbare Anzahl von Mönchsgebilden – männlichen und weiblichen Geschlechtes –, die im vornherein von der Hierarchie auf einen ganz bestimmten Zweck, sei es Krankenpflege, Jugendbetreuung usw., festgelegt sind. Das Rechtsbuch der römischen Kirche unterscheidet zwei Arten von mönchischen Gemeinschaftsbildungen: Orden und Kongregationen. Der Unterschied liegt darin, daß die üblichen Mönchsgelübde der Armut, der Keuschheit, des Gehorsams bei den Orden „feierlich“ und bei den Kongregationen „einfach“ abgelegt werden. Ob die Gelübde auf bestimmte Zeit oder auf ewig abgelegt werden, ist für den Unterschied von Orden und Kongregationen nicht maßgebend. „Feierlich“ abgelegte Gelübde sind immer auch zugleich ewige – aber nicht umgekehrt. „Einfache“ Gelübde können ewig oder zeitlich sein. Der Unterschied nun zwischen feierlichen und einfachen Gelübden besteht in ihren kirchenrechtlichen Folgen. Der Mönch oder die Nonne mit feierlich abgelegtem Gelübde der Armut verliert nach der Auffassung des römischen Kirchenrechts nicht nur das Verfügungsrecht über das Eigentum, sondern überhaupt die Fähigkeit, Eigentum zu erwerben oder etwas zu besitzen ohne Erlaubnis des Oberen. Und ebenso bedeutet feierliches Gelübde der Keuschheit nicht nur das Eheverbot, sondern darüber hinaus das Absprechen der Ehefähigkeit überhaupt. Das feierliche Gelübde der Keuschheit ist ein trennendes Ehehindernis, während das einfache Gelübde ein aufschiebbares Ehehindernis darstellt. Bis ins einzelne ist heute das Mönchwesen vom kirchlichen Recht geordnet; es untersteht einer eigenen Kongregation an der römischen Kurie. Der oberste Obere aller mönchischen Gemeinschaften ist heute der Papst.
Noch viel mehr als einst in den Jahrhunderten der Vergangenheit ist das neuere Mönchtum in Form der Kongregationen ein Machtinstrument in der Hand der römischen Weltkirche. Die alten Orden wußten trotz ihrer Romgebundenheit noch etwas von Boden- und Heimatverwurzelung. Die Benediktiner legen heute noch das Gelübde der Ortsbeständigkeit ab, selbst die Mitglieder der Bettelorden gehören wenigstens einem bestimmten Land an. Hingegen die Jesuiten und die neueren Kongregationen haben kein Vaterland mehr, sie sind international; sie können überall hingeschickt werden, wo der Orden seine Institute hat, heute in Deutschland, morgen in Afrika. Vom modernen Mönchtum der Romkirche gilt das Wort: „Mein Feld ist die Welt.“ Bedenkt man ferner die Tatsache, daß diese neueren Formen von klösterlichen Gründungen wie Pilze aus der Erde schießen, oft unter Handhabung von wirtschaftlichen Praktiken, die in vielen Fällen die Grenzen dessen überschreiten, was man im Erwerbsleben als „gute Sitten“ bezeichnet, bedenkt man ferner die bisweilen geradezu skrupellose Propaganda zur Anwerbung von Menschen, oft rassisch wertvollster Menschen, für solche Institute, so ist es nicht verwunderlich, wenn wir dem Mönchwesen mit seiner Ablehnung der Frau kritisch gegenüberstehen. Die Romkirche kann nicht mehr im selben Umfang wie früher die Kinderschändungen von Klerikern vertuschen, so daß sich die Frage stellt, inwieweit sie mit der romkirchlichen Einrichtung des Zölibates in Verbindung stehen.

Das ursprüngliche Christentum war im Glauben an das baldige Weltende zu den Dingen der Welt, also auch zu der naturgegebenen Einrichtung der Ehe, indifferent. Allein, schon früh galt die Ehe als ein Hindernis für das jenseitige Ziel, und zwar weil die Ehe den Menschen mit irdischer Sorge belaste und weil die Ehelosigkeit in der Bibel höher eingeschätzt werde als die Ehe. Die zur Zeit des werdenden Christentums als Folge und Auswirkung rassischer Zersetzung herrschende Stimmung der Weltmüdigkeit, ja Welt- und Körperfeindschaft, wie sie im Gnostizismus und Neuplatonismus in Erscheinung traten, verursachte eine Verachtung des Geschlechtlichen und eine Geringschätzung der Ehe, von denen die frühchristliche Vorstellungswelt aufs nachhaltigste beeinflußt wurde. Alle Kirchenlehrer waren deshalb einig in der Höherschätzung des unverehelichten Lebens, der sogenannten Jungfräulichkeit. Tertullian meinte sogar, die Ehe sei im Wesen dasselbe wie Hurerei (De exhortatione castitatis); von Origenes ist bekannt, daß er um des Himmelreiches willen sich selbst entmannte. Im 3. Jahrhundert gab es die Sekte der Valesier, die jeden, der ihnen in die Hände fiel, entmannten, um ihn für das Himmelreich zu retten.

Die offizielle Kirche hielt in Übereinstimmung mit Paulus die Ehe zwar für nicht sündhaft, die Ehelosigkeit hingegen für eine Tugend. Der Mönch Jovinian, welcher behauptet hatte, daß die Ehelosigkeit nicht verdienstvoller sei als die Ehe, wurde im Jahre 310 auf zwei Synoden exkommuniziert. Aus dieser kirchlichen Wertschätzung der Jungfräulichkeit erklärt es sich, daß schon zur Zeit des Urchristentums viele in freiwilliger Ehelosigkeit lebten, als Ausdruck echt christlicher Haltung, und daß man seit der Entstehung des Mönchtums im 4. Jahrhundert begann, den geistlichen Stand gesetzlich auf die Ehelosigkeit festzulegen. Zunächst war es beim Klerus üblich, daß derjenige, der zum Priester ordiniert wurde, nach Empfang der Weihe nicht mehr heiraten durfte. Heiratete er dennoch, so war die Ehe zwar gültig, aber er verlor sein Amt. Daß aber der bereits verheiratete Mann, der die Weihe empfing, die Ehe nicht mehr fortsetzen durfte, war in der Urkirche ungebräuchlich. Erst die Synode von Elvira (306) verbot im can. 33 allen den Altardienst versehenden Klerikern den ehelichen Umgang mit Frauen. Im Abendland wurde diese Konzilbestimmung allgemeines Gesetz, während der Versuch auf dem Konzil von Nicäa, dieselbe auch für das Morgenland durchzuführen, scheiterte. Allein, dessen ungeachtet war es bis hinauf ins 11. Jahrhundert wenigstens in Deutschland und Frankreich üblich, daß die Priester verheiratet waren. Erst als in der cluniazensischen Reform ein germanischer Geisteshaltung entgegengesetztes Element zum Durchbruch gekommen war, verschärften sich auch die Forderungen des Zölibates, das unter Gregor VII. endgültig als streng verpflichtendes Kirchengesetz eingeführt wurde. Nur mit einer Priesterschaft, losgelöst von allen naturgewollten und geheiligten Banden des Blutes und der Sippe, konnte der „Stellvertreter Gottes“ sein „Gottesreich“ verwirklichen. Und derselbe orientalische Fanatismus, der um eines anderen Glaubens willen Menschen tötete, hat auch das Zölibatgesetz zur Durchführung gebracht, das allenthalben, soweit noch gefundene rassische Substanz vorhanden war, und besonders im deutschen Raum als Willkür und gegen rassisches Empfinden verstoßend betrachtet wurde. Auf verschiedenen Synoden – 1049 zu Rom und 1095 zu Melfi – wurde bestimmt, daß die Fürsten oder Bischöfe solchen Priestern, die ihre Frauen nicht entlassen wollten, dieselben mit Gewalt nehmen und die Frauen und ihre Kinder zu ihren Hörigen machen sollten. Man hetzte durch Mönche das Volk gegen die verheirateten Priester auf und redete dem Volke – entgegengesetzt der sonstigen romkirchlichen Lehre – ein, „das Opfer der verheirateten Priester sei kein Opfer, die Taufe sei keine Taufe, ihre Sakramente seien Hundemist, sie selber Teufelsdiener“. Mit Recht spricht Fr. Heiler in seinem Buch „Das Wesen des Katholizismus“ (München 1923, Seite 472) von einer Grausamkeit der römischen Kirche, die ein namenloses Elend im katholischen Klerus alle Jahrhunderte hervorgerufen habe: „Die Geschichte der erzwungenen Ehelosigkeit der Priester gehört zu den dunkelsten Gebieten in der Geschichte der römischen Kirche. Wieviel Gemeinheit und Unzucht, Unwahrhaftigkeit und Unnatur, Perversität und Melancholie, Gewissensnot und Seelenkampf hinter der glänzenden Außenseite der priesterlichen Ehelosigkeit sich birgt, vermag kein Außenstehender zu ermessen; aber wer einen Blick in die Hintergründe priesterlichen Lebens tut, dem krampft sich das Herz zusammen.“ Aber noch vielmehr krampft sich das Herz zusammen, wenn man bedenkt, welchen Raub an wertvollem Erbgut der Zölibat für das deutsche Volk bedeutet, so daß der durchschnittliche deutsche Katholik einen niedrigeren Intelligenzquotienten als der deutsche Protestant hat. Die durch den Zölibat seit Jahrhunderten betriebene negative Auslese wertvollster Erbträger erzeugte naturnotwendig eine gewaltige Schrumpfung der Erbmasse, insbesondere der adligen Führerschicht. Als Beispiel sei nur hingewiesen auf die baltischen Provinzen, deren Verlust nicht zuletzt eine Folge des Zölibates der geistlichen Ritterorden war. Und wenn die im deutschen Raum immer wieder auftauchende Bewegung einer Nationalkirche bis herauf zum Kulturkampf immer wieder zum Scheitern verurteilt war, so war der letzte Grund hierfür der, daß die ehelose Priesterschaft der Romkirche, losgelöst von den natürlichen Banden des Blutes, jederzeit eine einsatzbereite Armee, die Schlachten des „Stellvertreter Gottes“ und seines Universalreiches schlagen konnte. Es ist im Grunde derselbe Geist, der die Ketzer einkerkern und töten ließ, der dafür sorgte, daß Millionen Frauen als Hexen entehrt, gemartert und verbrannt wurden und der das Zölibatgesetz bis zur Stunde in der Romkirche aufrecht erhält. Der Zölibat ist eine jederzeit aufhebbare rein kirchliche Satzung, die mit dogmatischen Glaubensvorstellungen der Romkirche nichts zu tun hat, aber aus dem unbedingten Herrschaftswillen der Kirche heraus nicht aufgehoben wird.
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Heute sagt die romkirchliche Apologetik, die Kirche zwinge ja niemanden zum Priestertum und zum Mönchtum, und wer eben Priester oder Mönch werden will, der wisse, daß er damit auch die Verpflichtung zum ehelosen Leben übernimmt. Niemand werde gezwungen zum Priester- oder Mönchtum, folglich werde auch niemand gezwungen zum Zölibat. Es ist richtig: die Romkirche zwingt insofern niemanden zum Zölibat, als sie niemanden zwingt, Priester oder Mönch zu werden. Allein, was aber dann, wenn der gereifte Mann ein Versprechen nicht mehr halten kann, das er als Jugendlicher in ehrlicher religiöser Begeisterung gegeben hat, gegeben zu einer Zeit, da er unmöglich schon den ganzen Umfang dessen ermessen konnte, was es heißt, ehelos zu leben und um so weniger ermessen konnte, als die früheste Jugenderziehung der Kirche ihn möglichst luftdicht vor der Berührung mit der sündhaften Welt abgeschlossen hat? Die Romkirche hat von jeher großes Gewicht darauf gelegt, auf die zukünftigen „Diener am Heiligtum“ möglichst früh erzieherischen Einfluß zu bekommen. Dabei werden dann schon oft Kinder für die „Jungfräulichkeit“ begeistert, die noch nicht einmal eine Ahnung haben vom Geschlechtsleben. Was aber dann, wenn die Wirklichkeit das Leben in einem ganz anderen Licht zeigt, als es einst die jugendliche Erziehung getan? Das Konzil von Trient sagt in der 24. Sitzung des sacramentum matrimoniae: „Wenn jemand sagt, daß die in den höheren Weihen befindlichen Kleriker oder die Ordensleute, welche das feierliche Gelübde der Keuschheit abgelegt haben, eine Ehe schließen können und die eingegangene Ehe gültig sei trotz des Kirchengesetzes oder des Gelübdes, und das Gegenteil nichts anderes sei als die Ehe verdammen, und alle könnten die Ehe eingehen, welche die Gabe der Enthaltung nicht in sich fühlen, auch wenn sie dieselbe gelobt hätten: der sei verflucht, da Gott den recht darum Bittenden nicht abschlage und zulasse, daß wir über das, was wir können, versucht werden.“ Und wenn schließlich die Natur doch stärker ist als die Gnade? Und sie wird in diesem Fall für gewöhnlich stärker sein, wenn nicht ein außerordentlicher Fond romgläubiger Frömmigkeit vorhanden ist. Und hier ist nun der Punkt, wo man in des Wortes traurigster Bedeutung von einem Zwangszölibat in der Romkirche sprechen kann, denn Rom löst die Bande des Zölibates für den Priester oder den Mönch mit feierlichem Gelübde so gut wie niemals, verpflichtet also den Menschen, gegen die Natur zu leben. Es ist nicht so, daß Ehelosigkeit an sich und unter allen Umständen schon etwas Unnatürliches wäre. Es wird immer Menschen geben, Ausnahmemenschen, die um des restlosen Einsatzes an erhabenste Lebensaufgaben willen freiwillig ehelos bleiben. Es gibt weiterhin schicksalhafte Fügungen, welche die Ehelosigkeit mit sich bringen. Aber, was als Ausnahmezustand, als Schicksalsfügung gelten mag, kann nicht zu einer Art von Norm, am allerwenigsten zu einer unwiderruflich geltenden Verpflichtung auferlegt werden. Denn in diesem Fall ist die Rache der Natur in dieser oder jener Form unvermeidlich. Und daß es diese Rache der vergewaltigten Natur gibt, das weiß vielleicht niemand so gut als die römische Kirche selbst. Die geheimen Archive der Kurie, der bischöflichen Ordinariate und der Klöster wissen davon zu berichten, wenn es auch nur ein geringer Teil priesterlicher Tragödien ist, der an diese Orte gelangt. Die Kinderschänderprozesse unserer Tage haben zu der über Jahrhunderte sich hinziehenden Tragödie „Opfer des Zwangszölibates“ oder „Die Rache der Natur“ ein neues Kapitel geschrieben. Es muß allerdings gesagt werden, daß die Wirklichkeit des sittlichen Sumpfes noch viel trauriger ist, als die Berichterstattung schreiben kann. Man bringt bei ihnen die quälende Frage nicht los: Was hat diese Menschen vor die Schranken des Gerichts geführt? Wie konnte es geschehen, daß sie in so hemmungs- und instinktloser Weise ihren Trieben freien Lauf lassen konnten? Und all das trotz kirchlicher Gnadenmittel, trotz katholischer Moral, die doch Jungfräulichkeit über alles preist, und die doch Keuschheit geradezu in den Mittelpunkt ihrer sittlichen Wertordnung stellt. Wie sagt doch der asketische Schriftsteller P. Doß S. J. in seinem Buch „Die Perle aller Tugenden“: „Fehlt die Reinheit, dann fehlt auch alles, dann fehlt jedenfalls das Wesentlichste, das Vorzüglichste, das Erlesenste.“ „Die Reinheit ist die Perle aller Perlen, denn durch sie gewinnen die übrigen Tugenden Wert und Glanz.“ Gilt in der romkirchlichen Moral die Unkeuschheit nicht als die schwerste aller Sünden? Ja, asketische Schriftsteller, Prediger der Romkirche bezeichnen die Sexualität als „tierisch“, und der Kirchenlehrer Alfons von Liguori nennt gewisse Teile des Körpers „partes inhonestae“ (unehrenhafte Teile).
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Aber gerade eine solche spiritualistisch überhitzte Atmosphäre, welche mit unausweichlicher Folge das leib-seelische Gleichgewicht zerstören muß, schafft nur allzu leicht einen Nährboden, auf dem die Rache der Natur gedeihen kann. Und wenn das der Fall ist – und es ist der Fall –, wie konnte die Leitung der Romkirche es soweit kommen lassen, daß Verbrecher und Verderber unserer Jugend erst durch den Zugriff des Staates unschädlich gemacht werden? Ernster und wichtiger darum als manche Fragen, die heute im Zusammenhang mit den Kinderschänderprozessen erörtert werden, sind die tieferen weltanschaulichen Hintergründe dieser traurigen Vorgänge: Menschen unseres Blutes sind Opfer eines fremdem Boden entflammenden Weltbildes geworden, das schon soviel Unheil über den deutschen Raum gebracht hat.