Geschrieben von: Dagmar Wissels
Ostern ist das Fest der siegreich emporsteigenden Frühlingssonne, deren lebenweckende Kraft dem ehrfürchtigen Sinne unserer Vorfahren als göttlich erschien. Am Ostermorgen tanzt die Sonne bei ihrem Aufgang. Um ihr Tanzen zu sehen, ging man mancherorts frühmorgens auf die Berge. Man begrüsste die tanzende Sonne, indem man selber tanzte. Am Abend des Ostertages leuchten von den Anhöhen die Osterfeuer, brennende Räder rollen zu Tal und leuchtende Scheiben werden in hohen Bögen über die Felder getrieben. So weit der Lichterschein dieser Feuer reicht, bringt er dem Lande Glück und Gedeihen. Früher wurden diese Osterfeuer auf besondere Weise entzündet. Wenn man zum Osterberge ging, löschte man zuvor im Hause das Herdfeuer.

Image

 

Auf dem Berge wurde dann neues Feuer entzündet mit Stein und Stahl – dem altertümlichen Feuerzeug. Nur das auf diese Weise entzündete Feuer galt als heilig, es galt als das Feuer der verjüngten Jahressonne, das auf die Erde kam. Wenn die Feuer auf den Bergen erloschen waren, nahm man brennende Fackeln mit, um zu Hause das Herdfeuer wieder in Brand zu stecken. Zum Scheiterhaufen des Osterfeuers musste jeder Holz oder anderen Brennstoff beisteuern, den die Jugend des Dorfes, Lieder singend, einsammelte. Im Feuer wird häufig eine Strohpuppe verbrannt – es dürfte ein Sinnbild des sterbenden Winters sein.

Wie an allen volkstümlichen Festtagen, treffen wir auch zu Ostern neben dem heiligen Feuer und Wasser den heiligen Baum. Wochenlang vorher schon werden in manchen Gegenden Reiser ins Wasser gestellt, damit sie am Ostertag grün sind. Mit diesen Osterruten werden die Langschläfer aus den Betten gepeitscht, oder der Hausherr berührt alle mit dem grünen Reis. In Ostpreussen nannte man dies das „Schmackostern„. Es ist eine Form des im volkstümlichen Brauchtum immer wieder zu beobachtenden Schlages mit der Lebensrute. Die Wachstumskräfte des Baumes, den der Zweig vertritt, gehen durch die Berührung nach dem Volksglauben auf den Menschen über. Der Name „Schmackostern“ hat nichts zu tun mit dem Wohlgeschmack der süssen Gaben, die mancherorts als Gegengabe für die Berührung mit der Lebensrute geschenkt werden.

In der Osterfestzeit, die schon im germanischen Altertum mehrere Tage umfasste, ist heute das an das Baumsinnbild sich anschliessende Brauchtum mehr auf den Palmsonntag festgelegt. Die „Palmen„, die an diesem Tage in der Kirche gesegnet werden, sind nichts anderes als Zweige von einheimischen Bäumen und Sträuchern. Da treffen wir in den verschiedenen Gegenden die Weide, den Hasel, Tannenzweige, Wacholderreiser, Obstbaumbüschel. Oft werden Zweige verschiedener Sträucher besenartig zusammengebunden und an einem Stecken befestigt. Die grünen Büschel schmückt man ausserdem mit bunten Bändern, Goldflitter, Äpfeln, Eiern und Bretzeln. Sie werden feierlich umhergetragen und später sorgfältig aufbewahrt, denn sie schützen das Haus. Die Heiligkeit dieser Zweige liegt in ihrer Natur, es sind Zweige heiliger Bäume. Unter den oben aufgezählten Bäumen, von denen man Zweige zum „Palm“ verwendet, finden wir mehrere, von denen wir wissen, dass sie schon im germanischen Altertum besonders verehrt wurden, so Hasel, Wacholder, Tanne.

Image

Auch der Apfel, der an dieser „Palm“-Stange hängt, hat seine sinnbildliche Bedeutung. Wir finden die Sitte, den Apfel am Ostertag in der Frühe nüchtern zu essen. Das soll für die Gesundheit gut sein. Sonst tritt zu Ostern an Stelle des Apfelessens mehr das Essen der Eier hervor. Auch das Ei ist ein altes Lebenssinnbild. Nach alten Mythen ist die Welt aus dem Ei entstanden, oder die Götter gehen aus dem Ei hervor. Wer das Ei verzehrt, der verleibt sich nach dem mythischer Denken Kräfte des Ursprungs ein. Um die Bedeutung des Eies hervortreten zu lassen, wird es gefärbt. Schon früh bezeugt ist die rote Färbung der Eier. Rot ist die Farbe des stärksten Lebens. Sehr alt muss aber auch die Verzierung der Eier mit Sinnbildern sein, wie wir sie heute noch in vielen deutschen Landschaften finden. Da kehrt immer wieder das Baumsinnbild, das Zeichen des frischen, kräftigen Wachstums, ferner Stern- und Blütensinnbilder, die Zeichen des Jahreskreises und der Sonne.

Obgleich die erhaltenen Belege nicht sehr weit zurückreichen, ist doch die bedeutungsvolle Stellung des Ei-Sinnbildes im Osterbrauchtum wahrscheinlich höchst altertümlich. Ostern ist ursprünglich das Fest des neugeborenen Lichtes, der jungen Frühlingssonne. Verwandte Mythen indogermanischer Völker weisen darauf hin, dass einmal bei unseren Vorfahren die heilige Sage bekannt war, dass aus dem Weltei die göttliche Sonne geboren wurde. Nach einem griechischen Mythos zerspringt das Weltei in zwei Hälften, aus denen Himmel und Erde entstehen, aus dem Kern des Eies geht der leuchtende Urgott hervor, der wiederum die Keime aller Götter in sich birgt. In einer alten indischen Überlieferung heisst es: „Im Anfang war dieses Ei nichtseiend. Es veränderte sich, ward ein Ei; dieses lag ein Jahr; es spaltete sich, die beiden Schalen waren Silber und Gold; das Silber ist die Erde, das Gold ist der Himmel: was geboren ward, ist die Sonne.“

Jedes der festlich geschmückten Ostereier trägt etwas in sich von dem Sinngehalt des Welteies. Wie dies, ist es geheimnisvollen Ursprungs. Man versteckt die Eier draussen im Garten, wo die Kinder sie suchen, und man sagt, der Osterhase habe sie dorthin gelegt. Der Osterhase war noch im 19. Jahrhundert nicht überall in Deutschland bekannt. An seiner Stelle nannte man früher in einigen Gegenden als den Bringer der Ostereier den Storch, den Ostervogel, die Himmelshenne oder den Kuckuck. Wie die Gesundheit und Glück bringenden Geschenke der übrigen volkstümlichen Festtage, werden also auch die Ostereier von einem mythischen Wesen gebracht, hinter dem sich letzten Endes eine alte heidnische Gottheit verbirgt, an deren Stelle in christlicher Zeit Christus oder ein Heiliger trat. Im ursprünglichen, naturverbundenen Glauben des Volkes ist es keine Seltenheit, dass die Gottheit in eine Tiergestalt sich verwandelt und als Vogel oder Ross oder Bär erscheint. Aus diesen alten Vorstellungen heraus müssen wir auch den Osterhasen verstehen.

Wenn auch die Eier als Festspeise des Ostertages an erster Stelle stehen, so wollen wir doch nicht übersehen, dass daneben auch noch manche Gebäcke eine Rolle spielen, die ebenso wie die Eier verschenkt werden. Die Festgebäcke haben immer bedeutungsvolle Formen. Am Ostertage begegnen wir vor allem runden Fladen und Brezeln, in denen wir Sonnenradsinnbilder erkennen können. Daneben sehen wir aber auch den gebackenen Osterhasen, die Osterhenne, überhaupt vielerlei Vogelgebäck, z.B. Storch, Kuckuck, Schwan, Ente. Es handelt sich bei diesen tiergestaltigen Gebäcken vielfach um Darstellungen jenes Bringers des Ostereies, von dem oben die Rede war. Das ist da ganz deutlich, wo das Tier mit eingebackenem Ei erscheint.

Die grosse Mannigfaltigkeit der Sinnbilder des Osterfestes, von denen nur einige bezeichnende Beispiele angeführt wurden, ist beherrscht von dem grossen Grundthema dieses alten Frühlingsfestes, das in seinem Namen verborgen ist. Ostern ist das Fest der siegreich emporsteigenden Frühlingssonne, deren lebenweckende Kraft dem ehrfürchtigen Sinne unserer Vorfahren als göttlich erschien.

 

Verweis: http://www.feiergestaltung.de