Wenn die Kartoffeln in Mieten und Kellern geborgen sind und der Herbstwind durch die braunen Wälder saust, wenn die Rüben als letzte Frucht des Feldes in die Kastenwagen rummeln und der ledrige Geruch ihrer abgeschnittenen Blätter sich mit dem des faulenden Laubes mischt, wenn die Gänse mit prallen Fettbäuchen in ihren winterlichen Federkleidern stolz durch die Dorfstraßen trompeten: dann hat sich der Jahreskreis des Bauern wieder geschlossen.

Dann führen die langen Abende die Hausgenossen wieder um das Feuer zusammen. Um Herd und Ofen, um „des Lichts gesell’ge Flamme“ sammeln sich alle, die sonst auf Wiese und Feld, in Scheune und Stall bei allerlei Arbeit festgehalten werden. Jetzt ist auch einmal Zeit, während stiller Hausarbeit, alte Geschichten, Schnurren und Vertelltes vorzubringen. Der Mann ohne Kopf geht wieder um, der Teufel treibt sein Wesen! Der verhexte Edelmann mit dem Werwolf ist gesehen worden. Der Alf flog zum Schornstein herein und die Mahrt hat den Kuhjungen geritten. Und wenn es dann mehr auf Weihnachten geht, dann ist ja auch wieder der Wilde Jäger los; „de Wod“ – sagen sie in Mecklenburg und in Pommern.

 

Dann geht einer still und ungesehen auf den Dachboden und holt, tief unter dem Dachstroh versteckt, den Bockskopf hervor. Befühlt das lange Gehörn, ob es noch einen Stoß verträgt und nicht schon der Holzwurm hinein gekommen ist. Die lange Zunge reißt er dem pechschwarzen Teufelskopf aus und nagelt einen neuen Fetzen blutroten Tuchs hinein. Und der da – sitzt bei der Laterne in der Schirrkammer und pinselt an einer kreideweißen Pferdemaske: bleckende Zähne, rote Nüstern, ein wiehernd geöffnetes Maul, Zaumring und Halsschelle, Riemenzeug und vielleicht auch eine neue Mähne muß es haben, das Pferdchen, wenn er es am Weihnachtsabend reiten will. Larven (Gesichtsmasken), die jemand aus der Stadt mitbrachte, erhalten lange Bärte aus Werg oder Hede. Papierkronen mit viel Lametta und Goldpapier müssen geklebt werden. (Aber heimlich, wenn die Kleinen schon zu Bett sind!) Dieser schleppt mit einem Sack Erbsstroh herum und jener wieder schnitzt hinter dem Ofen an einem langen Etwas, eine Art Dolch oder Säbel, in den er fein säuberlich vorn noch einen zugespitzten Nagel hineintreibt. – Und ein paar Kinder merken es nun doch. „De Schemmel kimmt wedder!“ raunen sie sich zu, glücklich und bang zugleich.

Das dörfliche Leben hier im östlichen Zipfel Pommerns kennt wenige festliche Höhepunkte. Die bunte, lockere Spielfreudigkeit des katholischen Mittel- und Oberdeutschlands ist hier fremd und fern. Das Schellenklirren und die Narrenpritsche, ohne die der Mummenschanz des Südens nicht denkbar ist, fehlt, wenn an einem Abend, so  um die Zwölften herum, Schimmel und Schnappbock durch das Dorf jagen. Wenn dicker Schnee alle Geräusche einsaugt und die Luft ohnehin mit Heimlichkeiten, Aberglauben und Schabernack gefüllt ist, kommen sie. Der Schimmelreiter, oft in der bei uns gut beheimateten roten Husarenuniform, läßt sein Pferdchen tolle Sprünge vollführen. In Schwarzen Pferdedecken vermummt folgt ihm das Bocksungetüm. Acht Zoll lange Hörner und das oft einen Fuß lange Maul lassen es als einen wahren Unhold, als des Teufels Gevatter erscheinen. Auf und zu klappt das Maul mit den blanken Zähnen und der feuerroten Zunge; schnappt nach den Umstehenden und klappt zum Takt der Musik. Im Gefolge dieser beiden Gestalten findet sich dann noch der Storch. Er pickt mit dem spitzen Schnabel nach den Mädchen, und das Juchen und Gequitsche will kein Ende nehmen. Der Schornsteinfeger mit dem Rußquast, der grimmige Erbsbär, der mit der langen Holzkette klirrt, brummend sich auf der Erde wälzt oder tanzen muß und immer versucht, eine der Frauen oder Mädchen zu umarmen, der Bärenführer, die Neujahrs- oder Aschenmutter, selbst die Heiligen Drei Könige, sie alle folgen dem Schimmel und Schnappbock durch das winterliche Dorf. Dazu quietscht eine Fiedel, eine Ziehharmonika grunzt oder braust ein paar wilde Akkorde dazwischen, Trommel und Teufelsgeige rummeln, bummsen und scheppern, das Roß wiehert, der Bock meckert, der Bär brummt, die Heiligen Könige singen ein frommes Lied!

Sicher ist hier Kultisches seines tiefern Sinnes entleert. Wir mögen dabei an Wodans Schimmel denken, der die Wilde Jagd anführt. Der Schornsteinfeger als Glücksbringer darf zu Neujahr nicht fehlen, und der Storch, selbst dem Städter noch ein Sinnbild der Fruchtbarkeit, gehört in die geheimnisvollen Nächte der Zwölften, wo man Vieh und Getreide fruchtbar machen kann. Die Aschenmutter, welche den Kindern, die nicht recht beten können, den Aschensack um die Ohren haut, weiß nichts mehr davon, daß die Berührung mit geweihter Erde Kraft verleiht im neuen Jahr. Und der Erbsbär, das Gegenstück zu den Strohmanderln der deutschen Alpen, ist wohl der gute Korngeist, den wir als sogenannten „Alten“ mit dem letzten Fuder vom Felde mitbringen. Wenn dann, an sich ganz unorganisch, auch noch die Heiligen Könige erscheinen, so mag es ein sinnbildhaftes Beispiel sein für die Verzahnung oder Überschichtung von kultischem Brauchtum mit kirchlicher Feier.