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Heft 31: Vilhelm Grönbech, Von germanischer Volksart und Religio



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Der dänische Forscher, der sich Verdienste um die Geistesgeschichte der Griechen und der Germanen errungen hat, hat in dem umfangreichen Werk »Kultur und Religion der Germanen«, das auch heute immer noch nicht veraltet ist, Lebensstil, Volksart und Religion unserer Vorfahren dargestellt. Wir haben hier kennzeichnende Abschnitte aus seinem Werk zusammengefaßt, die einen guten Überblick über die Vorstellungen der Germanen in heidnischer Zeit geben.
3801 n. St., 68 Seiten


Woher kommt dieses „wir können nicht anders“, als aus Tiefen, die unterhalb von jeder Selbstbestimmung und jedem Sichselbstbegreifen liegen?

Inhalt

  • Vorwort      3
  • Sippe und Friede  4
  • Sippe und Rache    7
  • Der Seelengrund der Sippe     8
  • Das Wesen der Rache     11
  • Ehre und Schmach  13
  • Die Vermittlung   14
  • Schaden     14
  • Buße  15
  • Neidingschaft     16
  • Ungleichheit der Ehre   17
  • Der sittliche Maßstab   17
  • Das Königsheil    18
  • Das Heil    19
  • Zukunftssinn      21
  • Redekunst   21
  • Die Hamingja      22
  • Germanisches Königtum   26
  • Utgard      29
  • Zauberei    31
  • Der Dichter 34
  • Der Ruhm    35
  • Die Hamingja als Charaktergrundlage 37
  • Die Sippenseele   38
  • Der Unfreie 40
  • Wiedergeburt      40
  • Die Geburt  41
  • Die Heillosen     42
  • Die Familie 43
  • Die Dichtung      46
  • Kleinod     48
  • Geschenke   51
  • Die Brautgabe     52
  • Die Gabe des Gefolgsherrn    53
  • Die Buße keine Zahlung  54
  • Kauf  55
  • Das Festbier      57
  • Das Erbbier 57
  • Das Blot    58
  • Das Fest    59
  • Katechisation     61
  • Die Dichtkunst des Lebens    61
  • Die Götter  62
Sippe und Friede Wir müssen mit der Sippe anfangen, mit dem Stamm, dem Geschlecht: einer Sammlung von Einzelnen, die in dem Grade zu einer Einheit verbunden sind, daß sie anscheinend gar nicht selbständig handeln können. Der einzelne kann nicht handeln, ohne daß alle in und mit ihm handeln; ein einzelner Mensch kann nicht leiden, ohne den ganzen Kreis in Mitleidenschaft zu ziehen. So absolut ist der Zusammenhang, daß der einzelne gar nicht für sich existieren kann; sobald das Band gelockert wird, sinkt er abwärts als das unglücklichste aller Geschöpfe.

Wir können uns mit dem einzelnen Menschen gar nicht verständigen. Hier liegt der Unterschied zwischen der hellenischen und der germanischen Kultur. Der Hellene steht uns näher, weil wir unmittelbar zu ihm gehen, mit ihm über das menschliche Leben von Mensch zu Mensch sprechen können, uns von ihm in die – wie es uns scheint – fremdartige Welt, in der er lebt, einführen lassen; und aus seinen Äußerungen und Ausdrücken können wir uns einen Begriff davon bilden, wie er auf das, was ihm begegnet, reagiert. Der „Barbar“ rührt sich nicht. Er steht starr und abweisend. Wenn er spricht, haben seine Worte keinen Sinn für uns. Er hat einen Mann getötet. „Warum hast du den Mann getötet?“ fragen wir. „Ich tötete ihn aus Rache.“ „Wieso hatte er dich beleidigt?“ „Sein Vater hatte meinem Vaterbruder ein häßliches Wort gesagt, da forderte ich die Ehre, die er uns schuldig war.“ „Warum hast du nicht dem Beleidiger selbst das Leben genommen?“ „Dieser war ein besserer Mann.“ Je mehr wir fragen, je unverständlicher wird er uns. Er erscheint uns wie eine Maschine, die durch Prinzipien getrieben wird.

Der Hellene existiert als einzelner, als Individuum innerhalb einer Gesellschaft. Der germanische Mensch existiert nur als Repräsentant, nein, als Personifikation eines Ganzen. Man könnte sich vorstellen, daß eine starke seelische Bewegung das Individuum aus dem Ganzen herauszerren, es sich selber fühlen und aus sich selber reden lassen müßte. Aber gerade das Umgekehrte geschieht: je mehr die Seele in Bewegung gesetzt wird, desto mehr geht die Persönlichkeit in der Sippe auf. Im selben Augenblick, wo der Mensch am leidenschaftlichsten und rückhaltlosesten seinen Gefühlen nachgibt, nimmt die Sippe den einzelnen ganz und gar in ihren Besitz. Egils Klage ist keine Klage eines Vaters über seinen Sohn; ein Geschlecht klagt stöhnend durch die Person des Vaters. Aus dieser Breite des Gefühls steigt das überwältigende Pathos des Gedichts empor.

Wenn wir zu einem wirklichen Verständnis von Männern wie Egil gelangen wollen, müssen wir fragen: Was ist es für eine verborgene Kraft, die Verwandte untereinander unzertrennlich macht? Zuerst erfahren wir dann, daß sie einander „Freund“ nennen, und eine sprachliche Analyse dieses Wortes sagt uns, daß es bedeutet: „Die (einander) lieben“; damit ist uns aber nicht geholfen, denn die Etymologie sagt uns nichts davon, was „lieben“ bedeutet. Wir kommen ihnen vielleicht näher, wenn wir den etymologischen Zusammenhang beachten zwischen dem Wort „Freund“ und den beiden anderen Worten, die in der alten Gesellschaft eine große Rolle spielen: „frei“ und „Friede“. In „Friede“ haben wir die eigene Definition der alten Verwandten („Freunde“) von der Grundstimmung ihres gegenseitigen Verhältnisses. Mit „Friede“ meinen sie etwas in ihrem Innern, eine Kraft, die sie zu „Freunden“ untereinander und zu „Freien“ der übrigen Welt gegenüber macht. Aber natürlich können wir auch hier nicht die Bedeutung des Wortes als unmittelbar gegeben hinnehmen, denn die Jahrhunderte sind nicht spurlos über dieses kleine Wort dahingegangen. Während Wörter wie „Roß“, „Wagen“, „Haus“ und „Kessel“ einigermaßen unberührt von allen kulturellen Wandlungen bestehen können, erfahren alle Bezeichnungen von geistigen Werten in ihrem Verlauf dieselben geistigen Umgestaltungen, die im letzten Jahrtausend hier im Norden in den Seelen der Menschen stattgefunden haben. Und je näher ein solches Wort in seinem Ursprung am Mittelpunkt der Seele liegt, um so durchgreifender wird es seinen Sinn ändern.

Wie kaum ein anderes Wort trägt „Friede“ das Zeichen des umformenden Einflusses von Christentum und Humanismus. Wenn wir den alten Ton des Wortes untersuchen, werden wir darin etwas Strenges finden, eine Festigkeit, die sich jetzt in Weichheit verwandelt hat. Der Friede früherer Zeiten war nicht so passiv wie unser jetziger Begriff, er enthielt weniger Unterwerfung, mehr Wille. Er barg auch ein leidenschaftliches Element in sich – „Freude“ –, das jetzt in Quietismus untergegangen ist. Aber soviel sagt das Wort unzweideutig, daß die Liebe, die diese Verwandten verband, nicht im modernen, gefühlvollen Sinne aufzufassen ist; der Grundton der Verwandschaft = „Freundschaft“ ist Sicherheit.

Friede herrscht unter den Verwandten (Freunden). Das bedeutet in erster Linie gegenseitige Unantastbarkeit. So stark auch die verschiedenen Gesippenwillen aufeinander prallen und miteinander ringen mögen, so hartnäckig die einzelnen Köpfe, je nach dem Maß ihrer Weisheit, sein mögen, nie kann von Streit in anderem Sinne die Rede sein, als daß Gedanken und Gefühle sich zum Gleichgewicht durcharbeiten. Es unterliegt keinem Zweifel, daß gute Verwandte gründlich uneinig werden konnten; wie aber die Sache lag, die Entscheidung konnte – sollte – mußte notwendigerweise in Frieden und zum Frieden ausfallen.

Jeder Zwist war ohne Stachel. Zwei Verwandte konnten nicht die Hand gegeneinander erheben.

Sobald ein Mann Verwandtschaft witterte, fielen seine Arme nieder. Der Schluß der Saga von Björn Hitd½lakappi erhält einen gewissen heroisch-komischen Anstrich gerade durch diese Tatsache. Björn fiel gegen Thord Kolbeinson und seine Begleiter nach einem heldenmütigen Kampf. Die Ursachen der Feindschaft zwischen den beiden waren viele und vielerlei, man kann gleichwohl ruhig sagen, daß Björn alles getan hatte, was er nur konnte, um Thords eheliches Verhältnis zu erschüttern. Unter den Gegnern spielt Thords junger Sohn, Kolli, eine hervorragende Rolle. Da sagt Björn  in dem Augenblick, wo er auf den Knien liegend sich verteidigen muß: „Du gehst heute hart vor, Kolli.“ „Ich weiß nicht, wen ich hier schonen sollte?“ antwortet der Jüngling. „Das mag sein. Deine Mutter hat dir wohl eingeschärft, mich nicht zu schonen; aber es scheint mir, daß du nicht gerade in Sippenkunde deine Stärke hast.“ Und Kolli antwortet: „Ziemlich spät kündigst du es an, daß wir zwei nicht frei zueinander stehen“, und mit diesen Worten gab er jede Beteiligung am Kampfe auf.

Es ist schwierig, einen wahren Eindruck von den tiefsten Grundgesetzen im Menschenleben zu erhalten, die den eigentlichen Kern des Gewissens bilden; noch schwieriger aber, diesen Eindruck anderen lebendig zu vermitteln. Durch bemerkenswerte Beispiele läßt sich nichts erläutern. In Büchern über große und gute Taten wird eine Eigenschaft wie der Friede niemals ihrer Bedeutung gemäß vertreten sein; sie liegt zu tief. Sie äußert sich nicht unmittelbar in den Gesetzen, sie ist die Grundlage aller Sitten und Gebräuche, tritt aber nie selbst ans Tageslicht.

Will man im Ernst wissen, was das Stärkste in den Menschen ist, so muß man das tägliche Leben mit all seinen Hemmungen, mit all seiner Zurückhaltung in kleinen Dingen abtasten. Ist man aber dann einmal der ununterbrochenen Kette von Selbstbeherrschung und Selbstbeschränkung gewahr geworden, die in dem Leben arbeitender Menschen den Zusammenhang bildet, da mag es wohl vorkommen, daß man fast erschrickt vor der Macht, die zutiefst in uns sitzt und uns nach ihrem Willen lenkt. Hat man sich durch den geistigen Nachlaß unserer Vorfahren durchgearbeitet, so wird man unweigerlich, scheint mir, eine beklemmende Ehrfurcht vor diesem „Frieden“ mitnehmen. Die Nordländer erzählen immer von Kampf und Streit, Zank und Scherereien – bald gilt der Streit einem Königreich, bald einem Ochsen, bald ist es der ungebändigte Übermut eines einzelnen, dann schonungslos vom Schicksal verknüpfte Zufälligkeiten, die die Menschen in einen chaotischen Streit verwickeln – aber wir merken, daß selbst im leidenschaftlichen Aufruhr jeder einzelne an einem bestimmten Punkt seine Feinfühligkeit bewahrt: jede Begebenheit hat Beziehung zum Frieden.

Hinter jeder Gesetzesbestimmung steht deutlich eine Furcht – eine heilige Scheu – davor, an einer bestimmten Sache zu rütteln, nämlich an den Banden der Verwandtschaft. Wir fühlen, daß alle Gesetzesparagraphen aus der Voraussetzung herauswachsen, daß Verwandte nicht gegeneinander vorgehen wollen und können, sondern einander stützen müssen.

Sippe und Rache In der ganzen altnordischen Literatur mit ihren unzähligen Tötungen, unberechtigten oder wohlbegründeten, gibt es kein einziges Bespiel dafür, daß Menschen im Hinblick auf den Charakter des umgekommenen Verwandten freiwillig auf Rache verzichtet hätten. Sie können genötigt werden, ihn so liegenzulassen wie er liegt, sie können die Hoffnungslosigkeit der Bemühungen um Genugtuung einsehen; aber für sie alle paßt die Äußerung, die ab und zu vorkommt: „Ich würde nichts sparen, wenn ich wüßte, daß es die Rache fördern könnte.“ Freilich, das ist viel gesagt: kein einziges Beispiel; es könnte Tötungen geben und es gibt wohl solche, über deren weitere Geschichte wir in Unwissenheit gelassen werden. Das positive Zeugnis liegt darin, daß der Sagaverfasser es selten unterläßt, die verzweiflungsvolle Bitterkeit hervorzuheben, die den Männern zuteil wurde, wenn sie die Rache aufgeben mußten. Von der Bitterkeit des erzwungenen Selbstverzichts sprechen auch die Verbote, die in den südlichen wie in den nordischen germanischen Ländern ab und zu erlassen werden gegen das Rachenehmen für einen gesetzlich gerichteten und gesetzlich gehängten Verbrecher.

Auf der anderen Seite kommt der Töter nach Hause und teilt kurz mit, daß dieser oder jener getötet ist, „und seine Verwandten werden kaum finden, daß ich ganz unschuldig daran bin.“ Die unmittelbare Folge dieser Worte ist, daß die eigenen Verwandten sich darauf vorbereiten, sich selbst und ihren Mann zu behaupten. Wenn sie während der Vorbereitungen dieses oder jenes Wort fallen lassen über die Ungelegenheit eines solchen Benehmens, so sind das Worte, die neben der Handlung herlaufen, ohne jede Neigung, in sie einzugreifen; sie dienen nur dazu, den Eindruck der Entschlossenheit zu verstärken.

 Der Seelengrund der Sippe Woher kommt dieses „wir können nicht anders“, als aus Tiefen, die unterhalb von jeder Selbstbestimmung und jedem Sichselbstbegreifen liegen? Wir können dem Frieden folgen, von seiner Entfaltung im Selbstbewußtsein des Mannes an, durch alle seine Abstufungen hindurch und tiefer hinab, bis er in der Wurzel des Willens verschwindet. Wir ahnen, daß nicht der Mensch es ist, der den Frieden will, sondern der Friede, der ihn will. Der liegt auf dem Grunde seiner Seele als das große Grundelement, das die Blindheit und die Stärke der Natur besitzt.

Der Friede bildet, was wir den Grund der Seele nennen. Es ist kein mächtiges Gefühl unter anderen Gefühlen bei diesen Menschen, sondern der eigentliche Kern der Seele, der alle Gedanken und Gefühle gebiert und sie mit Lebensenergie versorgt – anders gesagt, er ist das Zentrum im Ich, wo Gedanken und Handlungen den Stempel ihrer Menschlichkeit erhalten und mit Wille und Richtung erfüllt werden. Er entspricht dem, was wir bei uns selber das Menschliche nennen. Das Menschliche hat bei ihnen immer das Gepräge der Verwandtschaft. In unserer Kultur wird eine empörende Untat als „unmenschlich“ gebrandmarkt, und umgekehrt drücken wir unsre Freude über edles Benehmen aus, indem wir es wahrhaft „menschlich“ nennen; bei den alten Germanen wird das erste als zerstörend für das Sippenleben verurteilt, das letzte, weil es die Friedensgesinnung stärkt, gepriesen. Deshalb ist die Tötung eines Verwandten im höchsten Grade Schrecken, Schande und Unglück in einem, während eine gewöhnliche Tötung bloß Handlung ist, die je nach den Umständen verwerflich sein mag oder nicht.

Da unten auf dieser Stufe der Unmittelbarkeit gibt es keinen Unterschied zwischen mir und dir, so weit die Verwandtschaft reicht. Wenn der Friede den Grund der Seele bildet, so ist es ein Seelengrund, den alle Verwandten gemeinsam haben. Dort grenzen sie aneinander, ohne daß irgendwie Wille oder Reflexion als Stoßkissen dazwischenlägen. Die Verwandten verstärken einander; sie sind nicht wie zwei oder mehr Individuen, die ihre Kräfte zusammentun, sondern sie handeln in gleichem Takt, weil tief in allen ein Geheimnis sitzt, das für sie weiß und für sie denkt. Ja, noch mehr, sie sind so verbunden, daß der einzelne von seinen Gefährten Kraft an sich ziehen kann.

Diese Eigentümlichkeit des Menschen kennt der Bär sehr wohl, nach dem, was man im nördlichen Schweden erzählt. „Lieber mit zwölf Männern als mit zwei Brüdern kämpfen“, lautet ein Sprichwort, das man dem klugen Tiere zuschreibt. Von zwölf Männern kann er den einen nach dem anderen gründlich beseitigen; die zwei aber kann er nicht einzeln erledigen. Und wenn der eine fällt, geht seine Stärke auf seinen Bruder über.

Diese Solidarität – wie sie in den Rachegesetzen zum Ausdruck kommt – ruht auf der natürlichen Tatsache der psychologischen Einheit.

Durch die Kanäle der Seele bricht Tat und Leid des einzelnen hervor, verbreiten sich über alle, die demselben Stamme angehören, so daß sie im wirklichsten Sinne jeder der Täter der Taten des anderen werden. Wenn sie ihrem Mann zum Richtstuhl folgen und ihn bis an die Grenzen des möglichen unterstützen, so handeln sie nicht, als ob seine Tat die ihrige wäre, sondern weil sie es ist. Solange die Sache nicht beigelegt ist, stehen alle Verwandten unter permanenter Herausforderung. Nicht nur der Täter ist in Gefahr, durch das Schwert zu fallen, das er zückte; der Rache kann ebenso gut und ebenso voll an einem seiner Verwandten Genüge getan werden, wenn die Gekränkten finden, daß dieser leichter zu treffen ist, oder wenn sie ihn als einen würdigeren Gegenstand der Rache betrachten. Steingrims Worte klingen so natürlich, als er zu Eyjolf Valgerdson kommt und ihm erzählt, daß er auf der Suche nach Vemund gewesen ist, aber gehindert wurde und deshalb seinen Bruder Herjolf genommen hat (aus der Saga ist nicht zu ersehen, daß Herjolf etwas mit Vemunds Taten zu tun gehabt hatte). „Eyjolf gefiel es nicht recht, daß es nicht Vemund oder (dessen Bruder) Hals geworden war; aber Steingrim sagte, sie hätten Vemund nicht treffen können; ,doch hätten wir am liebsten gesehen, daß er den Hieb bekommen hätte.‘ Eyjolf hatte dann auch nichts dagegen einzuwenden.“ – Der Klang der Worte, der leidenschaftslosen, praktischen, selbstverständlichen Rede und Gegenrede, sagen uns gleich besser als viele Umschweife, daß wir hier vor einem Erlebnis stehen und noch vor einer Reflexion oder vor einem herkömmlichen Brauch. In einer anderen Saga muß ein Mann mit seinem Leben für die verliebten Abenteuer seines Bruders büßen. Ingolf hatte Ottars Tochter durch seine aufdringlichen Besuche in ihrem Heim gekränkt, und ihr Vater behauptete die Ehre seiner Tochter, indem er Ingolfs Bruder Gudbrand töten ließ. Ingolf selbst war zu wachsam, um den Beschützern des Mädchens Gelegenheit zu geben, sein Leben zu nehmen; so hatten sie keine andere Wahl, als ihn durch den Körper seines Verwandten zu treffen.

Ebenso leiden alle, die durch die Bande der Verwandtschaft verbunden sind, unter einer Verletzung, die einem einzelnen ihrer Sippe zugefügt wird; sie fühlen alle die Wunde gleich schmerzlich; alle sind sie gleich fähig, Rache zu suchen. Wird eine Buße verhängt, so haben alle gleichen Anteil an ihr.

So bezeugen die Verwandten ihre Einheit an Seele und Körper, und diese gegenseitige Identität ist die Grundlage, worauf die Gesellschaft und die Gesetze der Gesellschaft beruhen. In allen Verhältnissen von Menschen zueinander wird nur mit dem Frieden, nie mit Individuen gerechnet. Was der einzelne getan hat, bindet alle, die im selben Friedenskreise leben. Die Verwandten des Getöteten treten insgesamt als Kläger auf. Es ist die Sippe des Getöteten, die die Buße empfängt, und die Summe wird so geteilt, daß sie an jedes einzelne Mitglied der Gruppe gelangen kann. Die beiden Sippen geben einander, als Körperschaft gegen Körperschaft, das Versprechen des Friedens und der Sicherheit für die Zukunft.

Wenn eine Sache, die Körperverletzung oder Kränkung betrifft, vor Gericht gebracht wird, so muß der Richtspruch sich in den Grenzen halten, die durch die Verwandtschaft gezogen sind. Der Friedenskreis bildet eine Einheit, die nur durch Amputation geteilt werden kann, und sein Recht bildet ein Ganzes, das kein Urteil zergliedern kann. Die germanische Rechtslehre hat nirgends bei der Bewertung der Tat Raum für ein „einerseits – andererseits“; sie kann lediglich der einen Partei volles Recht und der anderen Partei volles Unrecht geben. Wenn ein Mann erschlagen wird und seine Freunde auf ihr Recht auf sofortige Rache verzichten und die Sache vor das zuständige Gericht bringen, muß die Gerichtsversammlung den Klägern entweder ihr Recht und ihren Frieden zusprechen oder sie als der Genugtuung unwürdig erklären. Im ersten Fall stellt die Gerichtsversammlung ihre Gewalt hinter die gekränkte Partei und entzieht damit dem Angeklagten jedes Recht; im anderen Fall, wenn die Tötung in der Selbstverteidigung oder nach Herausforderung  geschehen ist, sagt das Gericht zu den Klägern: „Euer Friede soll darniederliegen, ihr habt kein Recht auf die Rache.“

Wir haben von Kindheit an gelernt, die Geschichte vom Stabbündel als Beispiel für die Wichtigkeit des Zusammenhalts anzusehen. Die alten Germanen nehmen in ihrer seelischen Haltung einen ganz anderen Standpunkt ein. Sie betrachten die Einheit nicht als durch Addition entstanden. Die Einheit ist das zuerst Gegebene. Der Gedanke an gegenseitigen Beistand spielt bei diesen Männern keine hervorragende Rolle; sie sehen es nicht so, als käme Mann zu Mann mit seiner Stärke, als würde das Ganze zusammengetan, als läge die Kraft in dem, was es verbindet. Für sie ist die ganze Gemeinschaft zerbrochen und mit ihr die Kraft aller Männer, sobald nur eins der einzelnen Glieder herausgerissen wird. Und so vergleichen sie die Gruppe der Verwandten mit einem Zaun, wo Stab an Stab steht und sie ein heiliges Feld umschließen. Wenn einer von ihnen gefällt wird, entsteht eine Lücke in der Sippe, dann liegt ihr Feld offen und wird zertreten.








Dieses Produkt haben wir am Montag, 28. Dezember 2009 in unseren Katalog aufgenommen.

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