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Heft 20: Andreas Heusler, Altgermanische Sittenlehre u. Lebenswe



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Altgermanische Sittenlehre und Lebensweisheit,
2. mit Anmerkungen versehene Auflage 3800 n. St., 68 Seiten


10. Heidnische Ideale

Schwur der Germane vor dem Taufbecken "dem Teufel und allem Teufelsopfer" ab, d. h. den alten Gttern und ihrem Dienste -: damit htte er sein Gut und Bse noch nicht verleugnet; eben weil diese heidnische Sittlichkeit so wenig im Jenseitsglauben wurzelte. Doch kamen ja mit dem neuen Gott und dem neuen Teufel auch neue Sittengebote. Es waren nicht die des Urchristentums; sonst htte der Tufling geradezu in eine neue Haut fahren mssen. Was man ihm predigte, war eine stark verwandelte Jesuslehre, dem Weltlauf angepat, einerseits ihrer schroffen Unbedingtheit entkleidet, anderseits mit Formendienst und Werkfrmmigkeit beschwert.

Wie der Germane in diese Sittlichkeit hineinwuchs; welche Brechungen und Mischungen sich da ergaben, hat die Historie zu untersuchen. Uns genge ein Ausblick, welche Seiten an der altgermanischen Sittenlehre vor anderen das Unchristliche, den Gegensatz zu den Idealen der Kirche bezeichnen.

Es wird zum Teil ein Rckblick sein; da und dort tragen wir in die frher gezogenen Linien eine Ergnzung ein. Hier, wie berall, wo es auf das Intimere ankommt, sind die islndischen Zeugnisse unsere Fhrer.

In dieser Kriegerethik schtzt man bis zur Einseitigkeit die harten Eigenschaften am Menschen. Hrte gegen sich selbst wie gegen Freund und Feind. Also auch keine Kreuztrgerei, kein Mitleiden und kein bses Gewissen!

Altdeutsche Mnnernamen wie Steinhart, Stahelhart enthalten ein Wunschbild; wir wissen, ein nicht immer verwirklichtes! Bei Sd- und Nordgermanen finden wir das Wort "einhart": zunchst "eigenwillig, unbeugsam", dann auch soviel wie "zuverlssig, ehrenhaft"; bezeichnend, da der Messiasdichter es umwertet zum Ausdruck fr die verstockten Hohepriester!

Diese erstrebte "Einhrte" schliet innern Kampf nicht aus, vorbergehende Spaltung des geschlossenen Ich: schon alte Heldenstoffe stellen Widerstreit der Pflichten oder Neigungen ins Licht. Auch Reue ber den eigenen Schritt konnte schon in heidnischen Herzen keimen, mochte man nun den bsen Rat eines Dritten anklagen oder die Reizung durch die geheimnisvollen Schicksalsmchte.

Wille und Tat, das verlangt man vom Manne. Das Wehrhafte und Trotzige gilt hher als das Nachgiebige und Vershnliche. Denn in dieser Welt der Selbsthilfe und der Unsicherheit ist das erste, da einer sich und die Seinen schtzen kann; und wer handfest zu schtzen wei, hat leicht auch Herz und Faust zum Angriff.

"Man sah bald, da er ehrgeizig war, hart und ein Hasser": lesen wir dies von einem Knaben, so wissen wir schon: das ist als Lob gemeint, das verspricht einen Helden.

Die Beiworte "gtig, umgnglich, vertrglich" haben guten Klang - wenn zur rechten Zeit die Hrte da ist und auer Zweifel steht! Friedensliebe ziert den Tapfern; sie ist verchtlich, wo sie den Kampfmut ersetzt; wo man sie als Schwche deuten kann. ber die Staatsbrgertugenden der Ordnungsliebe und Gerechtigkeit ragt hoch hinaus das Ehrgefhl; wir lernten es kennen als die wahre Triebkraft in Fehde und Frieden. Es ist von erstaunlicher Reizbarkeit; man sagt sich: diese Mnner mssen Tag und Nacht ber dem zerbrechlichen Gut ihrer Ehre wachen! Ihr Ehrgebot ist ihr Zwingherr.

Im tiefsten unchristlich ist ferner: da man sich offen und freudig bekennt zum Stolz und zum Machttrieb. Wer das Zeug dazu hat, soll der Erste in seiner Landschaft sein wollen. Das "Wer sich selbst erniedrigt ..." fnde in diesen Herzen keinen Widerhall. Dem Willen zur Macht gehrt die Zuneigung des Erzhlers und seiner Hrer. Sie verstehn und billigen es, da ein Herrenhafter nie und nirgends gewillt ist, "seine Sache (sein Recht) fahren zu lassen"; auch ein friedliebender, nicht herrschschtiger Jarlserbe lt es eher auf Zwist mit dem Bruder ankommen, als da er seinen Reichsanteil beschnitte.

Mit Mitgefhl folgt man dem Selbstbewuten, den das Schicksal beugt. Etwas Neues ist in den christlichen Geschichten der Blick der Genugtuung, der den Sturz des Mchtigen trifft. Soweit in den Sagas Voreingenommenheit und Schadenfreude besteht, richtet sie sich weit weniger gegen den Gewalthaber und Unterdrcker als den Duckmuser und Leisetreter. Auch gegen den Emporkmmling. Denn der Adelsstolz wirkt auch hier auf das Urteil ein; der Wohlgeborene darf sich mehr erlauben, man traut ihm besseres zu.

Die altnordische Sprache kennt das kaum bersetzbare Wort "Mikil-menni". Sein Sprachsinn ist "Gromann, Mann von groer Art". Das Wort kann auf das gesellschaftliche Ansehen gehn, auf Einflu und Bedeutung im allgemeinen. Zuweilen verstrkt sich sein ethischer Beiklang, und wir knnen ungefhr mit "Herrenmensch" bersetzen; der Grozgige im Machtwillen wie im Schenken und Helfen. Ihm steht das "Litilmenni" gegenber: der "Ltzelmann", der Mann kleinen Zuschnitts; dem vor jedwedem bangt und den die Gabe reut, wie wir es bei dem Sittendichter lasen (Abschnitt 5); der "Spiebrger" in dieser waffentragenden Landwirtsgesellschaft.

In der Art, wie man das "Mikilmenni" und das "Litilmenni" einschtzt, zeigt sich so recht die Umwertung unterm neuen Glauben. Um die neue Tugend der Demut germanisch zu benennen, mute man zu Wortstmmen greifen, die den Niedrigen oder den Knecht meinten; Demut war in der Tat, nach der altern Anschauung, Knechtsgesinnung. Das offene Bekenntnis zum Herrenmenschen fliet aus einem Lebensstil, der nicht nur Krieger-, sondern auch Herrenmoral heien darf. Es ist ewig schade, da Nietzsche, der Verknder dieser Wertung, die Islndersagas nicht kannte! Diese erdenfesten Urkunden htten seinem mehr aus Sehnsucht als aus Anschauung geborenen Bilde Blut einflen knnen.

Das "Liebe deinen Nchsten" oder in khlerer Fassung: "Schade keinem, vielmehr hilf jedem, so gut du kannst" lag nicht im Bereich des heidnischen Fhlens. Statt der allgemeinen Menschenpflichten herrschte die groe Zweiteilung in Freunde und Unfreunde. Dem Auenstehenden kann man mit Gutmtigkeit begegnen und nach den Umstnden sogar hochherzig; ein paar Sagastellen bezeichnen es als Glcksstern eines Mannes, da er Fremde aus Seenot retten konnte.

Freunde waren die geborenen und geschworenen Zugehrigen (Abschnitt 4); die, denen man vertraute, auf deren "Frieden" man zhlte, auf deren Hilfe man hoffte. Hingabe verlangt man nur im Lager der Freunde. Hier aber bt man sie mit einer Selbstverstndlichkeit und Grozgigkeit, die in Staunen setzt. Es ist da vor allem an die Fehde zu denken. Das Zusammenhalten der Partei, in Angriff und Abwehr, bedeutet jedem einzelnen selten weniger als den Einsatz der Habe und Heimat, der Gesundheit und des Lebens; oft genug zugunsten eines Menschen oder einer Sache, die den Helfer khl lieen. Die Opfer, die man da bringt, sind so gro, wie kein Gesetz allgemeiner Nchstenliebe sie abverlangt. Wieder handelt man da mehr unter dem Antrieb des Ehrgefhls als dem der Herzensneigung: wer nicht hilft, wo mans ihm auf die Seele bindet, kann einben an seinem Huptlingsansehen oder seinem Waffenruhm oder gar den Namen des Neidings zu hren bekommen. Begriffe wie Selbstlosigkeit und Aufopferung handhabt man da nicht; in der Partei waltet etwas wie der Gemeingeist der Truppe an der Front.

Das Kehrbild ist die Stellung zu den "Unfreunden". Ohne solche kommt wohl keiner durchs Leben, der Herrenmensch schon gar nicht. "Gut gegen seine Freunde, havoll gegen seine Feinde": diese Formel wendet man nicht etwa auf jeden Ehrenmann an, sie bezeichnet gewisse hrtere Machthaber; doch steckt Bewunderung in ihr.

Man darf hassen und sich zum Hasse bekennen. Wir sahen, wie Rache etwas Heiliges ist und Verzeihen unter Umstnden todeswrdig. Dennoch, da man hassen msse, trfe nebens Ziel; das ungeschriebene Gesetz lautet vielmehr: Vergib dir nichts gegen deinen Feind!

Du magst dich mit ihm vertragen - wenn jeder dir zutraut, da du Manns genug wrest, den ndern Weg zu gehn! Je mchtiger du bist, um so eher kannst du einer vershnlichen Regung folgen und das Herrengefhl der Gromut kosten. Eine Vershnung, die dich ehrt, ist gut. Nur kein Nachgeben aus Furcht, nur kein Zeichen der Schwche!

Als einen islndischen Herrn der Schneesturm zwingt, bei seinem Prozegegner, dem Skalden Bjrn, einzukehren, da ist Bjrn zwar zu aller Gastfreiheit gewillt, aber bis zum ersten Morgen verhlt er sich karg, ja krnkend, denn - wie er nachher selbst erklrt - die Gegner sollen nicht sagen knnen, er habe sich die Vershnung erschmeicheln wollen! (Thule9,120 ff.).

Endlich noch eine Seite, die mit behutsamer Hand angefat sein will!

Ein Unterschied der heidnisch-germanischen Sittlichkeit von der jdisch-christlichen liegt sicher darin: welchen Rang man berhaupt dem "Gut und Bse", den sittlichen Lust- und Unlustgefhlen, einrumt; und damit zusammenhngend: wie scharf man den Strich zieht zwischen ethischer und andersartiger Wertschtzung.

Es ist kaum zu bezweifeln, ein so feierliches, einseitiges Betonen der sittlichen Gegend, wie wir es von Palstina gelernt haben, setzt starke religise Unterbauung des Gut und Bse voraus und noch andere Bedingungen, die auf die alten Germanen so wenig zutrafen wie auf die alten Griechen. Wie bei diesen, so hat man in der Saga den Eindruck, auch bei fraglosen Sttzen der Gesellschaft, da zeitenweis die sittliche Rcksicht einfach aussetzt, und zwar ohne da es die Umwelt oder den Hrer befremdete. Die Waage von Lust und Unlust bewegt sich oft nach dem "Mannesunterschied", nach auersittlichen Vorzgen der Beteiligten, wo eine radikalere Denkart mit gleichem Gewichte wge. So haben denn einige frischweg verallgemeinert zu Stzen wie: "Diese Leute fragten berhaupt nicht so sehr den moralischen Eigenschaften nach" oder "Dem Helden war alles erlaubt".

Damit erliegt man doch wohl einer Verwechslung; man unterscheidet nicht, ob die sittliche Gegenwirkung berhaupt schwach ist, oder ob der uns gelufigen Sittlichkeit eine andere den Weg verstellt.

Die neuere Staatsbrgersittlichkeit mit dem Einschlag von Bergpredigt liegt, wir betonten es, von der germanischen Krieger- und Herrenethik besonders weit ab; mit einem Mastab zu messen, geht hier am wenigsten an. Was aber nach germanischem Mastab als gut galt, das Ehrgefhl mit seinen Ausstrahlungen: kann man eigentlich sagen, da man dem wenig nachfragte? Wer ein paar Fehdegeschichten gelesen und die erste Gnsehaut berwunden hat, wird wohl eher zu dem Schlsse kommen: da die Kriegerehre eine strenge Herrin war, kaum weniger anspruchsvoll als eine Klosterregel. Und wenn dem Helden viel erlaubt ist, so doch nicht das Unheldische! Versagt er in Wagemut, Selbstbeherrschung, Hilfsbereitschaft, in Rache und Treue, dann brandmarkt es ihn strker als den "Kleinmann". Das Herrentum ist nicht nur ein Vorrecht; es verpflichtet auch.

Oft sieht es so aus, als unterliege das sittlich Gute dem Ntzlichen und Selbstischen, whrend in Wirklichkeit zwei ethische Forderungen im Wettkampf stehn. Ein wiederkehrender Fall: das Sippenhaupt verurteilt die Gewalttat seines Angehrigen, und doch gibt es ihn nicht preis dem Recht zuliebe: es greift zur Waffe fr ihn. Da steht Schutzpflicht gegen Rechtssinn. Andere Male steht Racheverlangen gegen Vertrglichkeit; Heldensinn gegen Friedensliebe.

Diese Krfte setzen sich im Leben recht wechselnd auseinander; es geht nicht nach der Richtschnur! Wo sich aber das schroffe Entweder-oder erhebt, da wird sich der Herrenmensch fr die persnlicheren Antriebe entscheiden. Eigene Gre und Unbescholtenheit, die Bande der Sippe und Freundschaft, diese persnlichen Mchte ordnen sich ber den unpersnlicheren, gedanklichen: der Gerechtigkeit und Wahrheit, dem Frieden, auch dem Gemeinde- und Staatsgefhl.

Denn jene persnlichen Mchte sind strker vom Ehrgefhl betont, und das Ehrgefhlstellt die Stufenleiter der sittlichen Werte her. Gerechtigkeits- und Friedensliebe sind Tugenden, die man lobt, aber Tugenden zweiter Ordnung: es war "kleiner Leute Art", dem Rechte die eigene Ehre oder den Freund zu opfern, dem Frieden zuliebe eine Krnkung einzustecken.

Da zeigt sich uns noch einmal die Kluft, die den heidnischen Germanen von dem christlichen Staatsbrger trennt.

...








Dieses Produkt haben wir am Montag, 28. Dezember 2009 in unseren Katalog aufgenommen.

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