Geschrieben von: Dr. Karl von Spieß
Weihnachten ist das Fest, das allen deutschen Menschen ans Herz greift. Es fällt in die Zeit der längsten Nächte und eröffnet die Hoffnung auf die wachsenden Tage. Es steht im Zeiteinschnitte. Der schwindende letzte Monat enthält den Keim des Kommenden. Wir blicken zurück auf das Vergangene und stehen vor den Schleiern der Zukunft, um die wir ringen wollen. Wir nehmen mit unserem Blute Anteil an diesem Feste wie an keinem anderen, und daraus ergibt sich notwendig, daß gerade dieses Fest arteigener Überlieferung voll ist.

Weihnachten ist nicht an einen einzigen Tag gebunden, es umfaßt eine längere Zeit. Darauf weist schon die Mehrzahlform des Wortes hin. „Zweihenächten“ wird das Fest in einem Volkslied vom Anfange des 16. Jahrhunderts genannt. Dieses Zeugnis rechtfertigt die Herleitung des Wortes „Weihnachten“ von „ze den wihen nahten“ und damit sein Alter. In Kärnten (Lavanttal, Mölltal) heißt das Fest „die heilige Nächte“ und im Lechrain „um Genachten“. Die nichtchristlichen Angelsachsen nannten nach dem Zeugnis Bedas dieses Fest modraneht, „die Nächte der Mütter“. Mit dieser Bezeichnung melden sich bereits die Gestalten, denen dieses Fest gilt. Die gleiche Benennung „Nächte der Mütter“ für die Zeit der Zwölften finden wir im Erzgebirge und in Schleswig-Holstein. Daraus geht hervor, daß dieser Name für die weihnachtliche Zeit sich nicht zufällig in einem bestimmten Gebiete findet, sondern weit verbreitet und mit bestimmten Vorstellungen verknüpft ist.Weihnachten läßt nicht nur auf deutschem Boden, vielmehr auch im germanischen Gesamtbereiche, alle wesentlichen Bestandstücke des arteigenen Festes erkennen: die Festzeichen, das Mahl, die Vorführung und schließlich das Ahnengedenken als einen alles umschließenden Gedanken.

Das junge, neue Feuer wird noch vielfach im Freien entzündet wie in Tirol, in Kärnten und in Siebenbürgen. Der Jahreszeit und dem Sinne des Festes entsprechend, das ein Fest der Sippe ist, spielt sich der Feuerbrauch als „Weihnachtsblock“ oder „Mettenblock“ (Bayern) mehr im Hause ab, wobei die ursprüngliche Bedeutung verlorenging. Der Weihnachtsblock ist nicht mehr das neu eingelegte Scharholz, das während einer bestimmten Spanne das Feuer während der Nacht mit seinem glühenden Ende zum Neuentfachen am Morgen zu bewahren hat. Er wird angezündet, um sich in hellem Brande in der Weihnachtszeit oder innerhalb der drei Weihnachtstage zu verzehren. Das neu entzündete Feuer ist dann auf die Kerzen gerückt, sei es, daß sie uns als dreiarmige Talglichter in Angeln (Ostschleswig) und Schweden oder später als Lichter am Weihnachtsbaume entgegentreten.

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Ein aus dem Walde geholter Nadelbaum schmückt als Festzeichen den Hof. In der Steiermark steht der „Graßbaum“ während der Festzeit inmitten des Hofes, in Kärnten wird der „Greßling“ auf den Brunnen, an die Stalltüre oder auf die Düngerstätte gesetzt. Dem entsprechen in Schweden die „julstänger“ (Stangen) und die „julrönn“ (Eberesche), die dort ebenfalls auf den Misthaufen aufgepflanzt werden. In Telemarken stellt der Hausvater einen kleinen, aus dem Walde geholten Ebereschenbaum in der Stubenecke auf. Ähnlich werden im Alpengebiete kleine Tannenbäumchen, oft mit dem Wipfel nach unten, an der Stubendecke aufgehängt. Von diesen Bäumen, die ein Wesensbestandteil volkseigenen Brauchtums und ohne Schmuck sind, leitet sich der geputzte städtische Weihnachtsbaum her, der jungen Datums ist. Er taucht um 1600 in Straßburg als „Gabenbaum“ auf. Alle diese Bäume sind Heilszeichen und Abbilder eines besonderen Baumes, der als Lebensbaum im Mittelpunkte sowohl des Saggutes als auch des Brauchtums steht. Eine große Zahl von Sagen berichtet von einem wunderbaren Baume – meist wird er Apfelbaum genannt -, der zur Weihnachtszeit in einer Nacht grünt, blüht und Früchte trägt. Diese entsprechen den Lebensäpfeln, nach welchen der Held im Saggut in die andere Welt zieht.Das Weihnachtsmahl vereint alle Glieder der Sippe, die oft weite Reisen anstellen, um am Weihnachtsabend beisammen zu sein. Zuweilen werden neunerlei Speisen aufgetragen, womit ausgedrückt wird, daß es ein Fest der Fülle ist. Die Speisen sind eigener Art, ihnen kommen besondere Heilwerte zu. Unter den Fleischgerichten spielen die vom Eber, ehemals Wildeber, eine besondere Rolle. Bei uns ißt man den Schweinskopf, in England wird ein verzierter Eberkopf aufgetragen und Schweden hat seinen Jul-Eber.Viel Sorgfalt wird auf die Herstellung von Gebäcken verwendet, von denen der „Weihnachtszelten“ und das „Klötzenbrot“ genannt seien. Am Weihnachtsabend werden sie im Kreise der Sippe feierlich angeschnitten, und alle genießen davon. In Schweden wurden Stücke vom Julbrote den in den Kampf ausziehenden Kriegern als Schutzmittel mitgegeben. Oft wurde dies aus dem Korn der letzten Garbe gebacken, und deshalb schrieb man ihm besonderen Heilwert zu. Wir gedenken auch der hand- und modelgeformten Gebäcke, der Gebildbrote, die mannigfache Gestalten, vielfach die von Tieren, zeigen, die in der volkseigenen Überlieferung ihren Platz haben.Zum festlichen Mahle gehört auch der festliche Trank. In früheren Zeiten wurde im Bauernhause, insbesondere in Norddeutschland, eigenes Bier für das Weihnachtsfest gebraut, das aus sinnvoll verzierten Holzgefäßen getrunken wurde, die sich in Resten in Skandinavien bis auf den heutigen Tag erhalten haben.

Im Mittelpunkt des Festes stand ehedem die Vorführung. Daß sich gerade von ihr so wenig erhalten hat, ist begreiflich. Sie wurde gespeist vom Saggute, und dieses ist der Träger einer Weltanschauung. Die öffentliche Vorführung ist aber das stärkste Bekenntnis zu dieser Weltanschauung und ihren Heilswerten. Sie mußte unbedingt ausgeschaltet werden, sollte die „Bekehrung“ gelingen.

Unter der festlichen Vorführung verstehen wir eine gesungene, getanzte und gespielte Handlung. Diese Vorführung, für die wir im Deutschen das Wort Leich haben, wird von wenigen Hauptspielern bestritten, die im Inneren eines Kreises von Mitspielern stehen. Sagen, Singen und Springen werden auch noch am Ausgange des Mittelalters als die Elemente des Reigens, des abgeblaßten Nachfolgers des Leiches, empfunden. Selbst das Wort Leich unterlag der christlichen Umwertung. So bedeutet Leich später eine christliche Sequenz und das ehemals gleichbedeutende altenglische lac „Opfer“.Im harmlosen Gewande hat sich der Leich im Norden bis auf den heutigen Tag erhalten. So führt R. Weinhold in seinem Buche „Altnordisches Leben“ an, daß „Tanzlieder“ in Schweden noch lebendig seien, zu Rund- und Ringtänzen gesungen würden und Ausdruck eines dramatischen Spieles seien, das eine Brautwerbung, eine Verlobung oder sonst etwas aus dem Liebesleben zum Gegenstand habe. Weiter könne man in Schweden bei Hochzeiten Tänze mit Gesang und lebhafter Handlung beobachten. Wie bedeutsam diese Vorführung bei der Festfeier war, entnehmen wir daraus, daß die Hochzeit selbst von ihr den Namen erhielt, im Althochdeutschen hileich, im Niederdeutschen huweleic, im Altenglischen brydlac hieß.Noch vor einigen Jahrzehnten wurden in Schweden am Weihnachtsabend Tanzspiele mit einer dramatischen Handlung aufgeführt, die den Namen jul-lekar führen. Als tanz-lekar, sog-lekar, ring-lekar waren diese darstellerischen Tanzspiele bei den Bauern etwas Geläufiges. Das Wort lek im Schwedischen ist dasselbe wie Leich im Deutschen. Die obigen Zusammensetzungen aber weisen überdies auf das hin, worauf es beim Leiche vorzüglich ankommt, auf das Schließen des Ringes, auf das Tanzen unter Gesang.In der Sage von den Tänzern von Kölbigk (eine Fassung bei Grimm, Deutsche Sagen Nr. 232) ist die Kunde von einem Leiche auf uns gekommen, der in der Weihnachtsnacht des Jahres 1012 n.d. Ztr. auf dem Friedhofe, da der Priester die Messe las, getanzt wurde. Es sind uns die Anfangszeilen jenes Leiches erhalten und wir wissen ferner, daß die Burschen zu der Aufführung drei Mädchen brauchten.Damit das blutmäßige Erbe durch fremden Geisteszwang nicht ausgerottet würde, traf das Bauerntum in entsprechender Weise Gegenmaßnahmen. Was im Leiche öffentlich vorgeführt und nunmehr verboten war, das wurde im engeren Kreise der Sippe erzählt, wobei in Rede und Gegenrede das Dramatische wieder zum Durchbruch kam. Weihnachten ist die Zeit des Märchenerzählens, und es fällt auf, daß in den Märchen selbst die entscheidenden Ereignisse häufig zur Weihnachtszeit vor sich gehen. Es gab geradezu Erzählnächte, die von begabten Erzählern, die sehr gesucht waren, bestritten wurden. Auch dagegen hat die Kirche seit frühester Zeit geeifert, allerdings vergeblich.

Wir haben uns nunmehr mit der Frage zu beschäftigen, welchen Gestalten im Weihnachtskreise die Hauptrolle zufällt, soweit wir die volkseigene Überlieferung in Betracht ziehen. Wir hörten bereits, daß in dem vorchristlichen England und auch auf deutschem Boden für Weihnachten die Bezeichnung „Mütternächte“ geläufig war und es noch ist. Wir fügen noch hinzu, daß in der Pfalz die Weihnachtsnacht, in Schweden die Luziennacht, die Nacht auf den 13. Dezember, wo im Mittelalter Sonnenwende war, „Mutternacht“ heißt, wodurch Luzia, die viel volkstümliches Brauchtum an sich gezogen hat, als eine der „Mütter“ herausgestellt wird. Die „Mütter“ sind die Schicksalsgestalten, die über das Gewesene, das Gegenwärtige und das Kommende walten. Die „Mütter“ sind uns von dem römisch-germanischen Grenzgebiete am Rhein als Matres oder Matronae bekannt. Dort wurden sie als drei Frauen auf Grabsteinen abgebildet, mit Fruchtkörben auf dem Schoße. Auf einigen Denkmälern hält eine von den drei Frauen ein Wickelkind im Schoße. Diese „Mütter“ sind einander ungemein ähnlich, doch eine ist durch ein besonderes Kennzeichen hervorgehoben, wie dies in ähnlicher Weise bei den drei Frauen des Saggutes der Fall ist, aus denen der Held die richtige als seine Braut zu wählen hat. Ihre Beinamen wie Alagabiae, „die reichlich Gebenden“, oder „Malineae“, „die Richtenden“, lassen über die Bedeutung dieser Gestalten keinen Zweifel und bezeugen zugleich, daß wir es mit germanischem Erbgute zu tun haben. Die Schicksalsgestalten erscheinen an den wichtigsten Einschnitten des menschlichen Lebens, bei der Geburt, der Hochzeit und dem Tode. Die Darstellung der drei Frauen auf den Grabsteinen hat demnach auch noch einen tieferen Sinn. Aber auch bei den Einschnitten des Jahres, den Festen, melden sich die Schicksalsfrauen, besonders zur Mittwinterzeit, die ihnen geweiht ist.

Die Überlieferung von den Schicksalsfrauen reicht in kaum übersehbarer Fülle bis in unsere Tage und ist dadurch bedeutsam, daß das von ihnen Erzählte in inniger Beziehung zum Brauchtum und zur Zeitordnung steht. Für die süddeutschen Gebiete hat Friedrich Panzer in seinen „Bayerischen Sagen und Bräuchen“ (1843-1855) den einschlägigen Stoff in reichem Ausmaße zusamengestellt. Die drei Frauen werden Schwestern genannt. Zwei von ihnen sind schön und weiß, während die dritte halb weiß, halb schwarz ist. Diese ist die Zwiespältige und erinnert in ihrer Gestalt an die nordische Hel. Die drei Frauen erscheinen bei Baum und Quelle wie die Nornen in der Edda, sie sind Spinnerinnen. In einer Sage von Haghof in Oberfranken hat jede von den Dreien neun Spindeln. Nach einer westfälischen Sage sitzen sie hinter neun Türen, in der neunten Welt. Die drei Frauen verleihen Fruchtbarkeit und stehen den Frauen in ihrer schweren Stunde bei. Sie wehren Seuchen und Mißwuchs ab und werden „Heilrätinnen“ genannt. Wichtig ist, daß auch dort, wo die drei Schwestern als adelige Frauen, also in die Diesseitswelt versetzt, auftreten, eine von ihnen die Zwiespältige mit unheilvollen Zügen ist. Die Überlieferung von den drei Frauen lebte in den bäuerlichen „Holzgesellschaften“ fort, die die alten Markgenossenschaften ablösten. Der drei Frauen wurde am Monatsende gedacht, Weihnachten mit den „Nächten der Mütter“ ist aber ihre besondere Zeit.

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Die im Saggut, Brauchtum und Zeitordnung verankerten Schicksalsfrauen konnten durch die „Bekehrung“ nicht beseitigt werden. Als Ainbet, Warbet und Wilbet, oft nur als „die drei heiligen Geschwistrigen“ bezeichnet, zogen sie in die christliche Kapellen und Kirchen ein, wurden dort als die drei Gleichen im Bilde dargestellt. Die saghaften drei Schwestern wurden dann durch drei dem Namen nach gut bekannte Heilige ersetzt, die einen innigen Dreiverein bilden. Sie erscheinen als die Drei nicht nur auf Bildwerken, sondern auch auf Gebildbroten der Weihnachtszeit. Das volkstümliche Empfinden begreift sie noch als drei Schwestern, obwohl sie als Kirchenheilige zu verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Orten gelebt und nie etwas miteinander zu tun gehabt haben. Es gibt verschiedene Zusammenstellungen solcher heiliger drei Jungfrauen.

Die bekannteste ist:

Sankt Barbara mit dem Turm,Sankt Margareta mit dem Wurm,Sankt Katharina mit dem Radl,Das sein die drei heiligen Madl.

Es ist von größter Bedeutung, daß ein solcher Dreiverein heiliger Frauen, nunmehr eine Zusammenfassung von Katharina, Barbara und Luzia, noch die alte, sinnvolle Bindung an den Festkalender, an den letzten Monat des Jahres zeigt. Katharina und Barbara haben volkstümliche Überlieferung an sich gezogen, wodurch sie als freundliche Schicksalsgestalten erscheinen. Wie diese walten sie bei Geburt und Tod des Menschen ihres Amtes. Sie stehen den Gebärenden in ihren Nöten bei und sind Helferinnen in der Sterbestunde. Sie verleihen Fruchtbarkeit und Gedeihen, Barbara besonders auffällig mit den innerhalb einer bestimmten Frist erblühenden Zweigen. Im Isergebirge sind es immer neun Zweige, die in ein Gefäß hineingesteckt werden. Ähnliche Vorstellungen haften im Volke an der hl. Luzia. Auch an ihrem Tage werden Zweige zum Erblühen am Weichnachtstage aufgestellt und Fragen an die Zukunft gestellt. Sie verhilft unfruchtbaren Frauen zu Kindersegen. Mit besonderem Gebäcke und Biere gewährt sie Fülle für die folgende Zeit. In Tirol bringt sie den Mädchen Bescherungen, ist somit eine Begabende. Von den zwei vorher genannten heiligen Frauen aber unterscheidet sie sich dadurch, daß sie auch unheimliche Züge in sich vereint, daß sie eine Zwiespältige ist. In Norwegen zieht sie mit der wilden Jagd um und in Bayern und Deutsch-Böhmen rückt sie als Bauchaufschlitzerin in die nächste Nähe der Percht in ihrer unheilvollen Ausprägung, wobei allerdings christlicher Einfluß (Dämonisierung) möglich ist. Wichtig ist, daß ihr die „Zwölften“ zukommen, die mit ihrem Gehalte wieder eine Schicksalsgestalt meinen.

Sehen wir uns nun den Kalender an. Der 25. November ist der Tag der hl. Katharina. Sie führt neun Nächte. Die Bezeichnung der Festzeit mit „Weihnachten“ legt es, abgesehen von anderen Gründen, nahe, daß wir richtiger nach Nächten rechnen. Wir gelangen so zum 4. Dezember; dem Tage der hl. Barbara. Auch sie führt neun Nächte. Der 13. Dezember kommt der hl. Luzia zu. Ihr gehören, wie bereits erwähnt, Zwölften zu und sie ist die Zwiespältige. Sie vereint die helle, freundliche und die dunkle, unheilvolle Schicksalsgestalt in sich. Sie reicht mit ihrem heilvollen Wesensteile durch neun Nächte bis zum 22. Dezember und bestreitet mit ihrer unheilvollen Seite die unheilvolle dreinächtige Endfrist. Damit aber kommen wir zur Nacht auf den 25. Dezember, da das Heiland-Kind geboren wird, das auf zahlreichen spätmittelalterlichen Bilder im Kreise von drei heiligen Frauen, seinen Pflegerinnen, in der Jenseitslandschaft, im Paradiesgarten, dargestellt wird.

Die Zeit vom 25. November bis zum 25. Dezember umfaßt einen Monat, der durch die Stellung der drei Heiligen im Kalender die Gliederung des altarischen Mondmonats zeigt, dem dem auf dreimal neun helle Nächte eine dreinächtige dunkle Endfrist folgte1. Der 25. Dezember aber ist auf deutschem Boden ein alter Jahresanfang. Die drei Heiligen sind damit die führenden Gestalten des Endmonats, der, wie wir aus reichen Zeugnissen wissen, im besonderen den Schicksalsgestalten geweiht ist. Wir sind uns dessen bewußt, daß die Heiligen Katharina, Barbara, Luzia auf deutschem Boden verhältnismäßig spät auftreten, daß sie zur Zeit der Kreuzzüge aus der Fremde gebracht wurden und daß sie ihre Plätze im Kalender erst in spätmittelalterlicher Zeit einnehmen. Unbestreitbar dagegen ist, daß sie den Schicksalsgestalten eigene Überlieferung an sich gezogen haben, daß ihre Stellung im Kalender fest ist, daß die Tage dieser Heiligen Feste an sich waren – ihre Namen sind mit roter Farbe in den alten Kalendern eingetragen – und daß ihre Anordnung im Kalender einzig und allein aus der Zeitrechnung der nordischen Überlieferungswelt erklärt werden kann. Zum Wesen blutgebundener Überlieferung gehört es, zu gegebener Zeit in welcher Verkleidung auch immer die fremde Deckschicht zu durchstoßen. Für diese lebensgesetzliche Erscheinung haben wir keine verstandesmäßige Erklärung. Die beobachteten Tatsachen können ihr Vorhandensein nicht aus der Welt schaffen.

Die Schicksalsgestalten sind zugleich Zeitgestalten und verbürgen die Aufrechterhaltung der Ordnung in der Welt, die sich in Zeit und Raum auswirkt. Für diese Vorstellung können wir aus der germanischen Überlieferung eine erdrückende Anzahl von Belegen anführen, und es ist daher nicht erstaunlich, daß sie sich in diesem Falle in christlichem Gewande meldet.

Burchard von Worms (gest. 1024) spricht von drei Schwestern (tres illae sorores) und verbietet, für sie einen Tisch mit Speise und Trank herzurichten und drei Messer darauf zu legen. Trotz dem Verbote hat sich dieser Brauch bis auf den heutigen Tag zur Weihnachtszeit erhalten. In einem bayerischen Bußbuche des 15. Jahrhunderts werden jene drei Schwestern Perchten genannt. Daraus entnehmen wir, daß wir es ursprünglich mit drei Perchten zu tun haben. Wenn uns aber heute vor allem eine Percht, der in Mitteldeutschland Frau Holle und in Norddeutschland Frau Erke entspricht, zur Weihnachtszeit entgegentritt, so liegt die Erklärung hierfür in der zuständigen Überlieferung. Wir sehen, daß von drei Frauen eine die Zwiespältige ist. Aus dem dazugehörigen, gegliederten Saggute ergibt sich, daß nur eine von den dreien die Handelnde ist, nämlich die Zwiespältige, hinter der die zwei anderen völlig zurücktreten. Perchta ist nun tatsächlich die Zwiespältige, der Gestalt und ihrem Handeln nach. Dafür sprechen alle Zeugnisse von ihr. Erscheint sie als schöne Frau mit langen, herabwallendem, goldenem Haar, in weißem Gewande, hernach aber als altes, häßliches Weib in Lumpen, als Hexe, als Percht mit der eisernen Nase, so haben wir es mit zwei gegensätzlichen Seiten desselben Wesens zu tun. Wir verstehen nunmehr, daß mit Einbeziehung der zwei nicht Handelnden, von denen vorher die Rede war, gelegentlich zu den drei Heilvollen eine unheilvolle Vierte hinzutritt. Oft aber sind diese zwei Seiten der Percht an eine Gestalt gebunden, die vorne schön und hinten häßlich ist, zu deren Wesen das Umdrehen gehört. Und wenn sie es auch nicht will, so wird sie durch Spruch dazu gezwungen. Dazu stimmt ein Bericht von 1630: „Fraw Holt were von forn her wie ein fein weibsmensch, aber hinden her wie ein holer baum von rauhen rinden.“ Noch abschreckender hat schon Walter von der Vogelweide Frau Werlt, einen Ableger unserer Gestalt, gekennzeichnet2. Die Kröten in in ihrem schwärenden Rücken, wie solche auch auf der Rundfigur vom Wormser Dom zu sehen sind, weisen auf ihre Verwandlungsgestalt hin. Damit kommen wir zu der Überlieferung von der „Krötenfrau“ (vgl. hierzu Germanen-Erbe 5 [1940], 115 ff.).

In diesen Kreis gehört auch eine Gestalt, die halben Leibes eine schöne Jungfrau, von da ab aber ein Fisch ist: die Fischjungfrau. Zur Weihnachtszeit werden handgeformte oder in Modeln geprägte Gebildbrote gebacken, die diese Gestalt wiedergeben. Den Übergang zu dieser Verwandlungsgestalt bildet Frau Hullis, die mit zwei gleichen schönen Frauen in einem Mainarm nahe dem Frau-Hulli-Stein badet.Es ist für Frau Holle bezeichnend, daß sie der Reihe nach verschiedene Tiergestalten annehmen kann. Als solche kommen in Betracht: Hirsch, Hase, Katze, Ziege, Kröte, Vogel, Fisch, kurz die Tiere der drei Reiche.

Von einem Hochzeitsbrauche in Kärnten und vom Perchtenlauf in der Lienzer Gegend in Tirol wissen wir, daß dabei ein Spiel aufgeführt wurde, in welchem die Perchtel eine Rolle spielte. Von diesem Spiele selbst ist nichts erhalten. Das Grimm’sche Märchen Nr. 14, „Die drei Spinnerinnen“, mag uns davon eine beiläufige Vorstellung geben. Die Percht ist ja eine Spinnerin, und die Märchen von ihr wurden besonders in der Weihnachtszeit in den Zwölften erzählt. Die Spinnerinnen des genannten Märchens helfen der Braut und erscheinen bei ihrer Hochzeit. Die erwähnten Spiele weisen auf die zum Feste gehörige Vorführung, auf den alten Leich, von dem bereits die Rede war. Da er Bekenntnis zu einer Weltanschauung in höchstem Maße war, mußte er von der Kirche, wenn sie überhaupt Fuß fassen wollte, mit allen Mitteln bekämpft und ausgetilgt werden. Was übrig blieb, sind aus jedem Zusammenhang herausgerissene, herumziehende, bettelnde Gestalten, die „Ausgesteuerten“ einer in die Brüche gegangenen erhabenen Weltanschauung.

In Kärnten kommen vier mit Glocken behängte Perchten in die Häuser der Bauern. Drei sind die schönen Perchtln, die vierte ist die schiache Perchtl. Die drei schönen kehren und reinigen die Stube mit dem Besen und tanzen, während die schiache Perchtl von der Bäuerin ein Stück Speck erhält, das sie in den Sack steckt.

Ein weiterer Schritt führte zur Verteufelung und Dämonisierung der volkseigenen Gestalten. So wurde aus den Perchten, die in einer bestimmten Zahl auftreten, eine große Schar von Schreckgestalten, die nachts ihre lärmenden Umzüge halten, als teuflische Wesen Schrecken verbreiten und damit der Kirche, die sie kontrolliert, bei ihrer nie endigenden Mission Dienste leisten. Die Heilsgestalten wurden von dem Gesindel der Hölle abgelöst.

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Auch in der arischen Überlieferungswelt steht neben dem Heilvollen das Unheilvolle. Es gibt einen dunklen Gegenspieler, aber dieser trägt nicht die Züge des Dämons. In der dämonischen Welt gibt es schlechthin nur Unsicherheit und Willkür, in der arischen Welt dagegen Recht und Sicherheit. Alles geht in ihr darum, die Weltordnung in Raum und Zeit aufrecht zu erhalten und sie nach feindlichem Einbruche aus eigener Kraft wieder aufzurichten. Das ist ihr tiefster Sinn, und in der Weihnachtszeit geht es als einer Zeit innerer Einkehr vorzüglich um diese Dinge.Außer den Schicksalsfrauen gibt es auch Schicksalsmänner in der Dreizahl, denen aber geringere Bedeutung zukommt. Wir kennen sie aus Erzählungen, wonach sie im Zeiteinschnitte von der Außenwelt in diese Welt kommen, wie z. B. Odin, Loki und Hönir, um die Menschen zu besuchen und sie dabei zu prüfen. Sie beschenken die Menschen, erfüllen ihre Wünsche, aber von der Verfassung des Besuchten hängt es ab, ob ihnen das Gegebene zum Heile gereicht. Die Weihnachtszeit weist eine Reihe von Umzugsgestalten auf, die zu obiger Überlieferung gehören, die zum Teile christliches Gewand tragen, aber in volkseigener Überlieferung wurzeln. Meist sind es eine helle und eine dunkle Gestalt, die mitsammen wandeln, wie Nikolaus und der Krampus, Nikolaus und der Pelznickel, Martin und der Pelzmärtel.3 Die Namen führen uns darauf, daß wir es hier wie bei der Percht eigentlich nur mit den verschiedenen Zeiten einer und derselben Gestalt zu tun haben. Zuweilen ist es dann auch so, daß nur eine Gestalt, z. B. der Pelznickel, da ist, der sich bald freundlich, bald unfreundlich verhält und somit die Wesenheiten beider Gestalten in sich vereinigt, so wie der Weihnachtsmann.Nach volkstümlicher Vorstellung ist zu Weihnachten der Himmel offen. Das Tor zur anderen Welt ist aufgetan und die Verbindung zwischen Binnen- und Außenwelt ist hergestellt. Aus diesem Tore treten die Schicksalsgestalten, die nach arischer Meinung dessen Hüterinnen sind, heraus. Sie sind die Begabenden und im Hinblick auf sie erhalten die Weihnachtsgeschenke ihren tieferen Sinn. Als Hüterinnen des Lebenswassers verleihen sie den zur Weihnachtszeit hergestellten Getränken wie Bier und Met besonderen Heilswert. Weil das Tor zur anderen Welt geöffnet ist, kann man das Verborgene, das Zukünftige erfahren. In den Lössel- (Los-) Nächten werden Fragen gestellt, die sich auf das eigene Geschick wie auf das von Vieh und Feld beziehen.Es erscheinen aber zugleich auch die Ahnen, die am Feste teilnehmen, denen man wie den Schicksalsgestalten den Tisch deckt. Nach ungeschwächter altgermanischer Vorstellung besuchen die Toten nicht als Gespenster oder Schaden bringende Widergänger die in dieser Welt Verbliebenen. So wie sie im Leben waren, sind sie in den Hügel oder in den Berg eingegangen, aus dem sie zur Festzeit wieder herauskommen. Nur so verstehen wir es, daß Julbier und Totenbier zugleich getrunken wurden.Diese Zeilen wollen das richtige Verständnis der Weihnachtszeit vorbereiten helfen. Daß wir dabei auf unsere arteigene Überlieferung zurückgreifen müssen, ist selbstverständlich. Gerade das aber stößt auf große Schwierigkeiten, weil wir zuerst einmal das richtige Wissen davon haben müssen. Dieses hat aber zur Voraussetzung, daß wir das Arteigenene vom Artfremden scheiden, denn nicht alle auf deutschem Boden umlaufenden Überlieferungen sind volkseigenes Erbgut. Dessen aber sind wir uns bewußt, daß letzthin auch das rechte Wissen nicht alles schafft, weil wir Weihnachten, das Fest der Sippe, mit unserem Gemüte in voller Hingabe erleben müssen.

Anmerkungen:

1 In den Alpenländern ziehen in den Nächten der Vorweihnachtszeit die Klöckler (die Anklopfenden) herum, die wir als dämonisierte und damit in eine Vielheit aufgespaltene Schicksalsgestalten zu verstehen haben. Sie kommen dreimal, gewöhnlich an einem Donnerstag, aber zwischen ihrem Erscheinen liegen nicht die alten Neuner-Fristen, sondern die sieben Tage der spätantiken Planetenwoche. In einem aus Kärnten überlieferten, ihnen bei ihrem Erschienen zugerufenen Spruche meldet sich noch die Gliederung der alten Zeiteinheit (3×9 +Endzeit). Er lautet: „Wünsch enk außn a lange Bratwurst, neunmal uma mi, neunmal uma di, neunmal um an Tischschagen, bleibt noch a Drum zan Katzenjagen.“ (G. Graber, Volksleben in Kärnten, Graz 1934, Seite 159.)2 Anmerkung Rieger: Frau Werlt entstammt eindeutig der christlichen Dämonisierung der Frau (vorne schön, aber verdorben und verkommen), und hat mit der Abwertung der Welt zu tun, des Diesseits, so daß m. E. die häßliche Schilderung der Percht aus christlichem Einfluß stammt.3 Anmerkung Rieger: Gerade hier wird deutlich, daß die Kirche den alten Gott Odin-Wotan, den „Ruhmesprächtigen“, zum „Knecht Ruprecht“ als Kinderschreck mit Rute und Sack (wo er böse Kinder wegschleppte), machte. Die ursprüngliche Heilsgestalt wurde verteufelt und ihr zwecks Christianisierung des Brauches ein Heiliger (Nikolaus, Martin) zur Seite gegeben, so daß von Zwiespalt keine Rede sein kann.